Theater : Paradies verloren

Das Trancegefühl überträgt sich. Die Intimität des Raums und die Intensität des Spiels fesseln. Der Selbstmordwillige erkennt, dass er den Paradiesort mit seiner Ankunft zerstört hat: Dostojewskis "Traum eines Narren" im Eigenreich

André Weikard

Vorne im Magnet spielen Datarock, zwei Hinterhöfe weiter im Eigenreich gibt es auch einen Stempel aufs Handgelenk. Aber hier wird Theater gespielt. Aufpassen muss, wer sich im halbdunklen Saal einen Platz sucht: Im Gang liegt zusammengekrümmt einer der Darsteller. Dostojewskis „Traum eines Narren“ beginnt auf Russisch. Regisseur Robert Wagner lässt seine vier barfüßigen Schauspieler, zwei Männer und zwei Frauen in Weiß, einen vierstimmigen Monolog vortragen. Der erzählt von einem Mann, der den Entschluss gefasst hat, sich umzubringen. Die geladene Waffe liegt vor ihm auf dem Tisch. Er wartet – und schläft ein. Im Traum begeht er die Tat. Die vier stehen dicht zusammen, erzählen mal im Chor, mal im Kanon die Geschichte einer seltsamen Reise. Zur Requisite haben sie vier Stehleitern. Die werden getragen wie eine Bahre, wie ein Sarg geschultert oder wie das Kreuz Jesu auf dem Rücken hinterhergeschleift. Sie kriechen über den Boden und schreiben Unleserliches mit weißer Kreide auf schwarze Pappe. Wie Schlafwandler schleichen sie summend und raunend umher. Gitarren kreischen. Schatten tanzen an den Wänden.

Das Trancegefühl überträgt sich. Die Intimität des Raums und die Intensität des Spiels fesseln. Der Selbstmordwillige erkennt, dass er den Paradiesort mit seiner Ankunft zerstört hat. Das gespaltene Ego windet sich unter scheinbar schweren Leitern, mit denen die vier Weißen sich zugedeckt haben. Der Traum ist aus. Der Erwachte hat begriffen. Er ist es, der seine Hölle selber macht. Er wird sich nicht umbringen. Selten war ein Albtraum so schön.André Weikard

POP

Hauptsache cool:

Client im Lido

Als Client die Bühne des locker gefüllten Lido betreten, deutet alles auf einen unterkühlten Auftritt hin. Sängerin Sarah Blackwood, Keyboarderin Kate Holmes und die neue Bassistin verströmen in ihren grauen Drillich-Uniformen den Charme sowjetischer Politkommissarinnen, was zum agitierenden Impetus ihrer Songs passt. Das Trio aus London bedient sich bei Synthiepop-Pionieren wie Anne Clark oder Human League, pimpt deren Sound aber mit knorpeligen Computerbeats und muskulösen Basstexturen auf. So entstehen tolle Electroclash-Ohrwürmer, mit denen Kylie Minogue die Hitparaden stürmen würde. Client aber haben lediglich Insider-Kultstatus.

Blackwood bemüht sich, ihre wenig expressive Gesangsperformance schauspielerisch aufzupeppen. Doch wenn sie das Mikrofonkabel als Peitschenersatz schwingt, scheint sie sich den Domina- Appeal selbst nicht zu glauben. Mitreißend ist das Ganze zunächst nicht, die drei Frauen wirken gehemmt. Doch dann gelingt es einigen Fans ganz vorn, Client aus der Reserve zu locken. Die Mitklatscherei, die Blackwood immer wieder einfordert und die dem distanzierten Gestus der Musik zuwiderläuft, lassen sie die Fans weiter hinten erledigen. Stattdessen singen sie an den richtigen Stellen so enthusiastisch mit, dass selbst die coole Bassistin schmunzeln muss. Die gesteigerte Spielfreude überträgt sich aufs Publikum, das Client zwei Zugaben abringt, ehe sie mit dem frostigen Torch-Song „Heartland“ einen irritierenden Abgang hinlegen. Zu viel Spaß muss auch nicht sein. Jörg Wunder

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben