Theater : "Revolution now!" in der Volksbühne

Revolution? Großes Wort. Allerdings ein bisschen unscharf geworden. Längst geeignet, neue Produkte aus dem Intimhygienesektor zu bewerben.

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Gob Squad, das deutsch-britische Performancekollektiv mit Faible für ironisch gebrochene Heldengeschichten in Echtzeit, macht sich in der Volksbühne nun trotzdem daran, die Inhaltsleere des Begriffs noch einmal multimedial und meta-witzig vorzuführen. Prämisse von „Revolution Now!“ ist die Suche nach dem weltbewegenden und zum Massenprotest inspirierenden Gemeinschaftserlebnis. Freilich mit jener spätspontiesken Fröhlichkeit vorgetragen, die aus Haltungen T-Shirt-Slogans macht. Über historische Konnotationen zerbricht man sich hier nicht den Kopf, dafür darf das Publikum aufstehen, hüpfen und sich anfassen. Dem Theater wird von vornherein so viel Umsturzkraft zugestanden wie den verbliebenen fünf Montagsdemonstranten auf dem Alexanderplatz, und vermutlich liegen Gob Squad damit auch nicht falsch. Sean Patten spielt auf der Gitarre Dylans „The Times They Are A-Changin“, Berit Stumpf entblößt eine Brust und greift zur Fahne, um Delacroix’ Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ nachzustellen. Dazwischen werden Manifeste ohne These und Ziel entworfen, kurzum, es geht zu wie auf einer etwas bekifften WG-Party. Sehr unterhaltsam, sehr egal.

Das stillstehende Geschehen im Saal wird live auf einen kleinen Fernseher übertragen, der auf dem verschneiten Rosa-Luxemburg-Platz einsam vor sich hinflimmert. Manchmal bleiben junge Menschen mit Bierflaschen neugierig davor stehen und werden überrascht davon, dass eine Kamera wiederum ihre Gesichter filmt und auf die Videowand im Volksbühnensaal sendet, wo ihnen das Publikum zujohlt und zuwinkt. Eine Kommunikation zwischen Theater und Welt, die ungefähr auf dem „Verstehen Sie Spaß?“-Prinzip basiert. Doch bei diesem autistischen Austausch soll es nicht bleiben. Berit Stumpf, eine Art Nina Ruge im revolutionären Außendienst, wagt sich mikrofonbewaffnet auf den Vorplatz, um „das Volk“ für den Umsturz zu gewinnen und sein revolutionäres Potenzial auszukundschaften. Und es ist ja nicht dumm, das Volk. Fragt man es konfuses Zeug, bekommt man die entsprechenden Antworten. Was sie gerne verändern würde, will Stumpf von einer jungen Frau wissen. „Na, das ganze Sozialsystem“, entgegnet die. Gut pariert. Dreckssystem, weg mit dem! Und dann ist da ein Pärchen aus Osteuropa, das zwar nicht mehr sonderlich nüchtern wirkt, aber nach ein bisschen Mitkasperei verkündet, sie hätten eigentlich keine Lust, „bei irgend so einem linksintellektuellen Theaterprojekt mitzumachen“. Und wieder einmal muss die Revolution vertagt werden. Patrick Wildermann

Wieder am 6. und 10. Februar

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