Theater : "Schau mich an, sonst fall’ ich tot um"

"Eastwestsidestory": Junge Gefangene spielen ihre Version von "Romeo und Julia" in der Strafanstalt.

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Rappen, spielen, Mut machen. Bei den Proben mit Laiendarstellerinnern aus dem Frauengefängnis Lichtenberg. Die öffentliche...Foto: Karin Kleibel Agentur

Die Bühne ist in einer Anstalt. Einer Jugendstrafanstalt. Und wenn es gut geht, dann ist sie auch eine moralische Anstalt. So, wie das Schiller vor über 200 Jahren gefordert hat: dass das Theater eine „Schule praktischer Weisheit“ sei.

Der Schlüssel wird umgedreht. Dann darf das Publikum hinein. An der Rückwand der Bühne ist eine große Tür mit zwei Flügeln. Darüber leuchtet das Schild Ausgang. Ausgerechnet hier. „Ey, du kennst meinen Cousin nicht“, sagt Julia. „Ich habe viel mehr Angst vor dir“, antwortet Romeo. „Wenn du mich nicht anschaust, falle ich tot um.“ Julia und Romeo lehnen Rücken an Rücken, sie sagt: „Mit dir würde ich überall hingehen von China bis nach Halensee“.

Für Shakespeares Liebesgeschichte finden die jungen Gefängnisinsassen ihre eigenen Worte. Zwei Jahre lang haben sie sich mit dem Stoff beschäftigt, Szenen geschrieben, Lieder getextet. „Eastwestsidestory“ heißt das Projekt, das die Theatergruppe „Freispieler 05“ und das Institut für Bildung in der Informationsgesellschaft mit 16 jugendlichen Häftlingen organisiert haben. Junge Männer aus der Jugendstrafanstalt Plötzensee und junge Frauen aus der JVA Lichtenberg spielen eine Mischung aus Romeo und Julia und Leonard Bernsteins Musical „Westsidestory“. Sie sind zwischen 17 und 24 Jahre alt. Das Projekt war ein großer organisatorischer Aufwand für alle Beteiligten. Die Frauengruppe musste für die Proben extra nach Plötzensee gebracht werden.

Weswegen die jungen Leute im Knast gelandet sind, erfährt der Zuschauer nicht. Es tut auch nichts zur Sache. Am Ende des Stückes, da tritt das Ensemble unter dem Schein einer Taschenlampe einzeln an die Rampe, mit dem Rücken zum Zuschauer, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Sie sind die Shakespeare’schen Glücksnarren. „Wir bereuen“, sagen Stimmen aus dem Off. Keiner ist freiwillig hier. Aber alle haben sich entschieden, auf die Bühne zu gehen. Sie machen das großartig.

In Schultheaterstücken ist es oft so, dass jeder nur auf sein Stichwort wartet. Hier aber sehen die Darsteller einander zu, sitzen in Grüppchen zusammen, sprechen die Texte mit. Sie helfen sich gegenseitig mit Stichworten, wenn einer einen Hänger hat. Wenn die Jugendlichen singen, dann vergessen sie ihren Text nicht. Die Lieder sind das Berührendste an diesem Abend.

Um den Hals des hochgeschossenen Tom, der in Wirklichkeit anders heißt, baumelt ein goldenes Kreuz. Der 21-Jährige nimmt das Mikrofon und rappt los. „Mama, es tut mir leid, dass dein Sohn im Knast sitzt. Mama, danke, dass du trotzdem stolz auf mich bist.“ Mama, Mama, Mama. Das Lied ist mutig. Und man ahnt: Der zieht blank. Der meint es ernst. Tom bekommt Szenenapplaus. Der 23-jährige Cemal spielt Pater Lorenzo, er singt auf Türkisch, über Liebe und das Schicksal. Seine Stimme war vor lauter Aufregung etwas brüchig, findet er später. Und ärgert sich, dass das Lied deswegen nicht so gut rüberkam, seiner Meinung nach. Er täuscht sich. Das Lied kam gut rüber.

Cemal kann aber auch anders. Einmal liefert er sich eine Kampfszene mit einem Typen aus der verfeindeten Gang. Seine Schläge und Tritte sind unglaublich präzise, gehen haarscharf an der Wange des Gegners vorbei. Hier ist es Show. Was wäre es auf der Straße? Ein anderer Schauspieler drängt sich zwischen die Rangeleien, ein Trillerpfeifenstoß durchschneidet die Szenen.

Vor wenigen Woche, da spielte in dem ARD-Drama „Zivilcourage“ Götz George einen Alt-68er in Kreuzberg. Er drückte einem Mädchen, das nicht richtig lesen konnte, eine antiquarische Ausgabe eines Theaterstückes in die Hand: Romeo und Julia. Und das Mädchen begann zu lesen, während die Mutter im Wohnzimmer vor dem Fernseher einschlief und der Freund immer gewalttätiger wurde. Ein bildungsbürgerliches Märchen? Vielleicht.

Mikes Tattoos schlängeln sich aus seinem Halsausschnitt, er trägt einen Backenbart und auf der Gefängnisbühne spielt er Julias Vater als zigarrerauchenden, selbstgefälligen Paten. Zum Applaus malmt er einen Kaugummi. In den Proben habe er zum ersten Mal ein Buch aufgeschlagen, Mike liest jetzt. „Alles“, sagt er.

Nur einmal haben sie ihr Stück der Öffentlichkeit gezeigt. Es war ausverkauft. Doch das Entscheidende sind nicht die Auftritte. Das Entscheidende sind die zwei Jahre Arbeit, die hinter dem Projekt stecken. Außerdem spielt die Truppe noch zwei Mal für Angehörige und für die Insassen. „Ich sehe es schon kommen, da wird es Überredungskünste brauchen“, sagt Marius Fiedler. Er ist Gefängnisleiter in Plötzensee. Denn: „Am meisten macht es ihnen Angst, vor den Mitgefangenen zu spielen.“ In einer Szene bilden sich Paare vor der Bühne, sie berühren sich behutsam, schüchtern, drehen sich im Kreis. Auch zwei Jungs tanzen so miteinander. Später ruft Romeo: „Tybalt, ich liebe dich wie meinen Bruder, ich liebe dich!“ Die Horde, die sie lauernd umzingelt, spuckt auf den Boden. Schwulsein kommt nicht gut im Knast.

„Eastwestsidestory ist eine Hip-Hop- Oper gegen Gewalt“, sagt der Regisseur des Stückes, Fritz Bleuler. In seiner Version sind die Capulets und Montagues Ossis und Wessis. Wäre das ein Dokumentartheaterstück auf einer großen Berliner Bühne, dann wäre diese Konstellation ein ganz schön müder Einfall. Hier auf der Gefängnisbühne ist sie genau richtig. Jeder kapiert den Konflikt, aber er ist eben doch nicht mehr so nah an der Lebenswirklichkeit der jungen Leute, dass es hätte brisant werden können bei den Proben, wo die unterschiedlichsten Nationalitäten und Kulturen aufeinanderprallen. Muslime, Christen, Rechtsradikale, Drogendealer und Diebe. Es gab nur eine Teilnahmebedingung: Respekt vor den anderen.

Als einer der Jungs am Ende des Stückes gefragt wird, was er denn aus den Proben für sich gezogen habe, da fällt ihm Mehmet ins Wort: „Mann, sie wollen hören, dass du Vorurteile abgebaut hast.“ Mehmet ist ein sogenannter Freigänger, er hat seinen Schulabschluss gemacht und muss nur noch abends zurück in die JSA.

Auch Lena ist im offenen Vollzug, pendelt zwischen drinnen und draußen. Ob ihr die Theaterproben etwas gebracht haben für den Alltag? „Nö“, sagt sie. Cemal sieht das anders. „Ich habe mehr Mut“, sagt er. Gegenüber Respektspersonen und bei Vorstellungsgesprächen. Immer wieder haben sie die Theaterleute angefeuert, „trau dich, du schaffst das“. Sabine Winterfeld, die Initiatorin des Projekts, sagt, es ging darum, durchzuhalten bis zum Schluss. Anfangs hätten die Mädchen ständig nur über ihre Befindlichkeiten geredet. „Die Jungs waren die Poser.“ Jetzt sei das umgekehrt. „Das stimmt mich froh“, sagt Gefängnisleiter Fiedler, „dass die Jungs jetzt auch mal Schmerzen haben.“ Es ist ein gutes Zeichen.

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