Theater : Stell dir vor, es ist ein Gorilla

Sage keiner mehr, im Kleinen Theater am Südwestkorso gehe es beengt zu. Wenn man es richtig anstellt, weitet sich die Bühne zur Welt – und plötzlich ist man auf Java oder Sumatra. Riesig: "King Kong" im Kleinen Theater.

Udo Badelt

Paul Graham Brown und James Edward Lyons wissen, wie man räumliche Grenzen überwindet. In der Berliner Erstaufführung des von ihnen geschriebenen und inszenierten Musicals „King Kong“ ist sogar noch Platz für einen Riesengorilla. Der ist zwar leibhaftig nie zu sehen, aber das muss er auch nicht. Schließlich sind wir im Theater. Seine Anwesenheit ist spürbar, das reicht.

Brown und Lyons halten sich treu an die Vorlage, den Filmklassiker „King Kong und die weiße Frau“ (1933). Und sie haben die passenden Darsteller dazu. Marc Schlapp wirkt als skrupelloser Regisseur Carl Denham schmierig und verschwitzt. Von Liebe hat er keine Ahnung, der Welt nähert er sich nur durch die Filmkamera. Seemann Jack Driscoll (Wolfgang Höltzel) ist dagegen rau, aber ehrlich. Am dichtesten an der Vorlage ist Katharina Koch als Ann Darrow, die das Zickige und doch Zerbrechliche einer Dreißigerjahre-Diva perfekt auszudrücken versteht. Wenn sich ihr Schmollmündchen (Maske: Anne-Claire Meyer) plötzlich zum tiefen Loch auswächst, aus dem ein markerschütternder Schrei dringt, meint man, die leibhaftige Fay Wray vor sich zu haben. Eine kleine Kammer dient wahlweise als Büro, Restaurant, Ausguck oder Spitze des Empire State Building. Als King Kong aus dem Terzett ein Quartett macht, suggerieren Brown und Lyons seine Präsenz mit minimalsten Mitteln: Konturen auf der Leinwand, Gebrüll vom Tonband, ein pelziger Vorhang, der sich sanft im Atem des Gorillas wiegt. Gutes Theater braucht eben keine große Bühne.

Die nächsten Aufführungen: 9. und 18. September, jeweils 20 Uhr

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