Theater : Wie London auf Berlin blickt

Berlin und der Mauerfall sind immer wieder ein Thema für britische Theaterautoren. „Over There“ von Mark Ravenhill ist von heute an in der Schaubühne zu sehen.

Philip Oltermann[London]
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Von hüben nach drüben. Harry und Luke Treadaway, die beiden Hauptdarsteller in „Over There“, beim Ortstermin an der ehemaligen...

Mark Ravenhill und der piekfeine Sloane Square im Londoner Stadtteil Kensington, eigentlich passt das nicht zusammen. Am Royal Court Theatre wurde 1996 ein Stück uraufgeführt, das besser in ein Berliner Off-Theater gepasst hätte: „Shoppen und Ficken” befasste sich mit Drogen, Prostitution, Anal-, Oral- und Telefonsex. Seit einigen Wochen ist Ravenhill wieder am Sloane Square, und sein neues Stück ist Berlin nun wirklich näher als London. „Over There“, so erklärte er kurz vor der Premiere, sollte sich ursprünglich mit der englischen Geschichte befassen, „dem Fall der Thatcher-Ideologie, dem Ende des Blairismus, bla bla bla”, doch es kam anders. „Man kommt nicht darum herum, dass die Situation in Berlin viel kontrastreicher und spannender ist als die in London. In der deutschen Geschichte haben sich in den letzten 100 Jahren wahnsinnig große Veränderungen ereignet. Die englische Geschichte hat nichts Vergleichbares vorzuweisen.”

„Over There“, das erstmals an diesem Montag in der Schaubühne zu sehen ist, im Rahmen des „Autorenfestivals zu Identität und Geschichte“, handelt von den Zwillingen Karl und Franz, die auf verschiedenen Seiten der Mauer aufwachsen: Karl beim SED-treuen Vater, Franz bei der Mutter, die kurz nach der Geburt nach West-Berlin flüchtete. Trotz Eisernem Vorhang bewahren die beiden eine enge Verbindung, die Wende verspricht ein Happy End - daraus wird nichts.

Ravenhill ist im Augenblick nicht der einzige britische Stückeschreiber, der von Berlin fasziniert ist: Am National Theatre lief soeben ein Berlin-Monolog des Oscar-nominierten Drehbuchautors David Hare („Der Vorleser”, „The Hours”), und das Hampstead Theatre im Norden der Stadt zeigt „Berlin-Hanover Express” von Ian Kennedy. Doch „Over There” ist das spannendste der drei Stücke, auch deshalb, weil Ravenhill ein echtes Interesse am Ost-West-Thema hat.

„Je mehr Zeit ich in Berlin verbracht habe, desto schockierter war ich, wie wenig sich die Wirklichkeit mit dem Bild deckte, welches uns beim Mauerfall in den britischen Medien präsentiert wurde: Menschen, die sich auf der Mauer umarmen, Ende der Stasi-Diktatur, zwei Länder, die wieder eins werden, hurra hurra. In Wirklichkeit hat der Osten einfach aufgehört zu existieren. West- hat Ostdeutschland einfach aufgefressen.“

Auch die beiden Hauptdarsteller, die Treadaway-Zwillinge Luke und Harry, die zusammen einen Song für das Stück komponierten, reden mit Begeisterung von der deutschen Hauptstadt. „Im englischen Theater haben wir immer noch diesen naturalistischen Stil, der oft eher behindert als befreit. Berlin ist verspielter.”

Für Ravenhill hat die Geschichte Berlins ihr Happy End noch nicht gefunden. „Over There” ist ein emotionales Stück, die Tragödie einer Bruderliebe. „Für mich symbolisierte die deutsche Wiedervereinigung eine einmalige Chance”, sagt Ravenhill, „für einen Dialog zwischen einer Marktwirtschaft und einem sozialistischen System. Diese Chance wurde verpasst. Das macht mich traurig.“

Schaubühne, Premiere an diesem Montag, 19.30 Uhr

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