Theaterfestival : Traumworte, Totenworte

Festival von Avignon: Wie das Theater Geschichten erzählt, vom Krieg und vom Überleben.

Eberhard Spreng
Moreau
Jeanne Moreau -Foto: dpa

Und wenn alles doch nur ein sinnloses Chaos ist? Wenn das Leben eine unzusammenhängende Abfolge von Ereignissen ist, auf die wir uns einen Reim machen, indem wir Geschichten darüber erzählen? Was wäre, wenn sämtliche Erzählungen der Menschheit, inklusive Weltliteratur und Vorabendserie, nur Erfindungen des menschlichen Gehirns sind, weil dieses mit dem Zufall nicht leben kann? Der Wahrheit wären dann nur die Kinder nahe, die aus Alpträumen aufwachen und von ihren Eltern mit „Es war einmal“ getröstet werden, auf dass die Fiktion der Ordnung wiederhergestellt sei.

Wie mit dem Erzählen auf der zeitgenössischen Theaterbühne umgegangen werden kann, das will das Festival d’Avignon in diesem Jahr erkunden – und sein diesjähriger artiste associé, der Autor und Regisseur Wajdi Mouawad ist selbst ein notorischer Geschichtenerzähler, ein ungetröstetes Kind. In seiner Tetralogie „Le Sang des Promesses“ beschwört der Frankokanadier libanesischer Herkunft den Schrecken eines Bürgerkriegs, vor dem seine Familie Mitte der siebziger Jahre aus dem Libanon geflohen war. Ein Krieg, der erzählt werden will, um Geschichte zu werden.

Wer keine Geschichte hat, wer seine Geschichte der Nachwelt noch nicht überliefern konnte, der kann nicht beerdigt werden. Auf dieser Idee basieren die ersten drei Teile von „Le Sang“, in dem Mouawad am Mittwoch, dem zweiten Festivaltag, im Papstpalast von Avignon elf Stunden lang von Vätern und Söhnen, Müttern und Kindern erzählt, wie in einem unerschöpflichen Märchen in Einzig-und-einer-Theaternacht. Die szenischen Mittel sind denkbar einfach: eine leere Bühne, ein feiner, im Wind flirrender Vorhang aus Plastikstreifen, die im Licht glitzern wie ein unendlicher Nachtregen.

Wilfried erfährt in einer Liebesnacht vom Tod seines Vaters und macht sich in dessen Heimatland auf die Suche nach dessen Geschichte und einem geeigneten Beerdigungsort. Wie einen Sack schleppt er den immer wieder ins Theaterleben zurückkehrenden Mann auf seinen Schultern. Als er die Last endlich los wird, ist er erwachsen geworden – und das Kriegsgebiet eine Seelenlandschaft. Nun kann er auch den Ritter Guiromelan entlassen, der ihm beigestanden hatte. Eine Traumfigur in Theatergestalt. Wenn der tote Vater und der Ritter miteinander sprechen, erreicht Mouawad ShakespeareNiveau: Die beiden tauschen Toten- und Traumworte aus. Das ist abgründig – und komisch.

Mouawads Theater ist in einem Zwischenreich zu Hause, in dem der Zuschauer im Handumdrehen das Reich der Toten und der Träume betreten und wieder verlassen kann, in dem er Neufassungen der antiken Tragödie erlebt, gemischt mit Poesie, Mathematik, Ritual und Epik – ein Patchwork literarischer Formen. In der langen Nacht in Avignon schieben sich die Geschichten von Wilfried, der Zwillinge Jeanne und Simon und ihrer verstorbenen Mutter Nawal, von all den modernen Ödipus- und Hamlet-Figuren zur großen Totentraumsaga.

„Littoral“, „Incendies“ (Brände) und „Forêts“ (Wälder) wird mit der Uraufführung von „Ciels“ (Himmel) am 18. Juli zur Tetralogie vollendet, ein Theater, in dem noch der größte Schrecken und die schlimmste Gräueltat von einer vitalen und kokett mit seiner Naivität spielenden Theatersprache bewältigt wird.

Den Auftakt für das der Kunst der Narration gewidmete Festival machte der israelische Filmemacher Amos Gitai am Dienstag. Ein Prolog zur Eröffnung: Der Protagonist Flavius Josephus schildert, quasi als Nachweis seiner erzählerischen Legitimation, seine lebensgefährliche Biografie – auf dem schmalen Grat zwischen zwei sich bekämpfenden Kulturen. Sprössling einer einflussreichen jüdischen Familie, wird Joseph ben Mathitjahu einer der Anführer der bewaffneten Aufstände gegen die römische Okkupation im ersten nachchristlichen Jahrhundert. Nach der Eroberung der Festung Jotapata wird er gefangen genommen und als Flavius Josephus berühmt, als Chronist des Kriegs in Rom. Diese Geschichte des judäischen Kriegs inszeniert Amos Gitai unter dem Titel „Der Krieg der Söhne des Lichts gegen die Söhne der Finsternis“, den er den Qumran-Rollen entnommen hat.

Jeanne Moreau ist mit ihrer berauschend lebensrauen Stimme dieser Flavius Josephus; die große französische Schauspielerin sitzt vor der gewaltigen Kalksteinkulisse im Steinbruch von Boulbon, in dem Peter Brook einst die Kriege des Mahabharata erzählte. Aber Gitai scheint es nicht um eine ohnehin schwierige Dramatisierung des fast journalistischen, ungeheuer modern anmutenden Berichts zu gehen, der sich aus topografischen, soziologischen und militärischen Beschreibungen zusammensetzt. Er greift aus dem opulenten Werk die prominentesten Passagen heraus und verdichtet sie, unterstützt durch einige Musiker, zum mehrsprachigen, trotz Moreau leider blutleeren Oratorium.

Gitai und Mouawad, zwei Erzählungen aus dem Nahen Osten: die steinernnüchterne Archäologie eines frühen asymmetrischen Kriegs und der epische Rausch der Erlösung. Das Festival von Avignon, das am 29. Juli zu Ende geht, eröffnete mit einem Kontrast, der größer nicht sein könnte.

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