Theatertreffen : Klinisch getestet

Die Jury des Berliner Theatertreffens hat Joachim Meyerhoffs Wiener Soloabend "Alle Toten fliegen hoch 1 – 3" unter die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen der Saison gewählt – wobei der Terminus "Inszenierung" etwas in die Irre führt.

Christine Wahl
Meyerhoff
J. Meyerhoff -Foto: Burgtheater

Das Highschool-Jahr in Amerika war super! Der Teenie Joachim feierte nicht nur kulinarisch wie sexuell bemerkenswerte Whirlpoolparties. Sondern er belegte auch den Kurs „Selbstbewusstsein“ bei einem muskelprotzigen Pädagogen-Freak mit Beziehungen zum örtlichen Gefängnis. Beim Besuch im Todestrakt ging der Teenie dann leichtfertig eine Brieffreundschaft mit dem Todeskandidaten Randy ein, die ihn bis an den heimischen Küchentisch nach Schleswig verfolgen sollte. Dort war der kleine Joachim in einer psychiatrischen Klinik aufgewachsen, die der Vater als Arzt leitete. Zum Kindheitssound wurden Patienten, die pausenlos Glöckchen schwangen oder ihm ein herzliches „Na, ficki-ficki machen?“ mit auf den Schulweg gaben.

All das erfahren wir in Joachim Meyerhoffs Wiener Soloabend „Alle Toten fliegen hoch 1 – 3“, den die Jury des Berliner Theatertreffens unter die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen der Saison gewählt hat – wobei der Terminus „Inszenierung“ etwas in die Irre führt. Es handelt sich eher um eine Lesung. Der 1967 geborene Schauspieler sitzt, umgeben von Glasvitrinen mit autobiografischen Devotionalien, die sich sinnig um sich selbst drehen, in einem Sessel und liest aus seinen Memoiren. Der im heimischen Burgtheater auf mehrere Abende verteilte Zyklus ist beim Theatertreffen als Fünfeinhalbstünder im Maxim-Gorki- Theater zu sehen, wo Meyerhoff unter Volker Hesses Intendanz das Konzept einst entwickelte und erstmals testete.

Der „Schauspieler des Jahres 2007“ ist zweifellos ein guter Erzähler und Schreiber. Er hat seine Erinnerungen tadellos auf Pointe getrimmt, beschreibt seine Figuren äußerst plastisch und lässt in die lustigen Anekdoten stets die perfekte Dosis Traurigkeit hineinsickern. Wen es nicht stört, dass Meyerhoff sich mitunter so hingebungsvoll um sich selbst dreht wie seine Vitrinen, kann sich von diesen im Theatermilieu identifikationstauglichen Arztsohngeschichten gut unterhalten lassen.

Aber als Position innerhalb der „bemerkenswerten Inszenierungen“ einer Spielzeit überrascht diese Petitesse dann doch. Zumal, wenn einem noch das Münchner Gastspiel von Jossi Wielers nicht eingeladener Jelinek-Inszenierung „Rechnitz (Der Würgeengel)“ vom Vorabend im Hebbel am Ufer durch den Kopf geht. 

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