Trauerfeier : Pina Bausch: Behütender Blick

Die internationale Kunstwelt nahm in Wuppertal Abschied von Pina Bausch. Was wird aus dem Ouevre Pina Bauschs nach ihren Tod? Was geschieht mit dem Tanztheater Wuppertal?

Sandra Luzina
Pausch
Unbändiger Freiheitsimpuls. Ein kleiner Junge an der Hand seines Vaters bei der Trauerfeier für Pina Bausch. -Foto: Lennart Preiss/ddp

Der Schock sitzt tief. Am 30. Juni war Pina Bausch überraschend im Alter von 68 Jahren gestorben – fünf Tage nach der Krebsdiagnose. Die internationale Kunstwelt hat nun in Wuppertal Abschied von der international hoch geschätzten Choreografin genommen. Fast 800 Freunde, Weggefährten und Kollegen der Leiterin des Tanztheaters Wuppertal kamen aus der ganzen Welt ins Opernhaus der Stadt. Die Publizistin Alice Schwarzer und Bundespräsidenten-Witwe Christina Rau gehörten zu den Gästen der Trauerfeier. Aus Berlin waren die Choreografinnen Susanne Linke und Sasha Waltz angereist. Auch der spanische Filmregisseur Pedro Almodóvar erwies die letzte Ehre. In seinem oscarprämiertem Film „Sprich mit ihr“ (2002) hat er Pina Bausch tanzend festgehalten – in einer Szene von „Cafe Müller“. „Sie war eine ewige Quelle der Freude“, schrieb er in seinem Nachruf. „Unsere Freundschaft war heftig und auf ewig.“

Als erstes stürmten die Tänzer und Tänzerinnen über die Bühne des Opernhauses. In schneller Folge präsentierten sie ihre Soli – und sie tanzten so furios und zugleich so beseelt, als würde das streng-liebevolle Auge der Prinzipalin noch auf ihnen ruhen. Dem Bausch-Enthusiasten wird da noch einmal bewusst, was für ein Freiheitsimpuls dem Tanz der Pina Bausch doch innewohnt. Wie er die Menschen in ihrem Innersten berührt, indem er von ihren Begrenzungen und zugleich ihren schönsten Möglichkeiten erzählt. Es ist ein Tanz über dem Abgrund – von Schmerz und schwärzester Melancholie grundiert, umso heller strahlen die Momente flüchtigen Glücks und kindlichen Überschwangs.

Das gesamte Ensemble, darunter auch die großartigen Protagonisten der frühen Jahre wie Mechthild Großmann und Lutz Förster, ehrte Pina Bausch mit einem Programm, das Ausschnitte aus Stücken wie „Nelken“ und „Walzer“ verband. In einer ebenso bewegenden wie klugen, hellsichtigen Rede erinnerte sich der Filmregisseur Wim Wenders an die Choreografin. Das Revolutionäre ihrer Kunst – für Wenders liegt es in „Pinas Blick“. Ihr Blick sei klarsichtig bei aller Verträumtheit gewesen, so Wenders, behütend und nicht entlarvend. Bausch hätte den Worten misstraut, führte er aus, und stattdessen ihren Blick geschärft für das, was wir mit unseren Bewegungen und Gesten über uns verraten. „Pina hat gesehen, wo wir anderen im Dunkeln tappen.“ Sie sei eine Pionierin auf den weißen Feldern der Landkarte der menschlichen Seele gewesen.

„Ihr Tänzer wart das Orchester von Pinas Blick“, wandte Wenders sich zuletzt an das Ensemble. Er schloss mit einer Bitte, die zugleich ein flammender Appell war: Dass die Tänzer diesen Schatz von Pinas Blick voller Freude und Dankbarkeit weiter in sich tragen. Im Herbst will Wenders einen Film über das Wuppertaler Tanztheater drehen.

Was wird aus dem Ouevre Pina Bauschs nach ihren Tod? Was geschieht mit dem Tanztheater Wuppertal? Diese Fragen lagen natürlich allen schwer auf der Seele. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers betonte in seiner kurzen Würdigung, Stadt und Land seien entschlossen, das Vermächtnis der Choreografin zu bewahren. „Wir spielen weiter“, versicherte Ursula Popp, die Pressesprecherin des Tanztheaters in Wuppertal auf Nachfrage, ansonsten gab sie sich aber bedeckt. Derzeit wird das Tanztheater kommissarisch geleitet von Dominique Mercy, Tänzer der ersten Stunde, und Robert Sturm, dem langjährigen Assistenten der Bausch. Beraten werden sie dabei von Bühnenbildner Peter Pabst. Die Spielzeiten 2009/10 sowie 2010/11 seien bereits komplett geplant. Am 11. August wurde zudem die Pina-Bausch-Stiftung gegründet – von Salomon Bausch, ihrem Sohn. Besonderes Anliegen der Stiftung sind die Aufführung und Verbreitung ihrer Werke.

„Noch ein Weinchen, noch ein Zigarettchen“ – ganz wehmütig wurde einem ums Herz, als Mechthild Großmann den Reigen der Darbietungen mit dem legendären Satz eröffnete. Das letzte Solo gehörte selbstverständlich Dominique Mercy – immer, wenn er zu straucheln drohte, fing er sich wieder und tanzte weiter. Beim Schlussapplaus zeigten die Tänzer sich nicht mehr – die Bühne blieb leer. Pina Bausch fehlt – auch wenn ihr Werk weiterleben wird in ihren Tänzern.

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