Ulrich Khuon : "Leute, seid nie zu sicher"

Mehr Gegenwart, mehr Reibung: Ulrich Khuon, der kommende Intendant des Deutschen Theaters, spricht im Tagesspiegel-Interview über seine Pläne für Berlin.

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Bleib erschütterbar und widersteh. Khuon im Foyer des Deutschen Theaters. Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Herr Khuon, Sie sind als noch amtierender Chef des Hamburger Thalia-Theaters mit 300 000 Zuschauern im Jahr und regelmäßigen Einladungen zum Berliner Theatertreffen zurzeit der erfolgreichste Intendant Deutschlands. Was ist Ihre Philosophie für Berlin, wenn Sie im Sommer die Leitung des Deutschen Theaters übernehmen?



Ich weiß, wie man ein Theater leitet, wie man Künstler und Publikum animiert und motiviert, und ich setze ganz auf ein Ensembletheater: mit fest engagierten, auf das eigene Haus konzentrierten starken Schauspielern, die zugleich die Handschrift von starken Regisseuren brauchen, die ihrerseits nichts sind ohne diese Schauspieler. Außerdem arbeite ich seit meinen Anfängen als Dramaturg an einem Theater der zeitgenössischen Autoren. Wir brauchen nicht nur die Klassiker, wir brauchen auch die Dramatiker mit unseren gegenwärtigen Erfahrungen, Träumen, Ängsten, Hoffnungen.

Ist das ein programmatischer Aspekt, der Sie von Ihren Vorgängern, auch vom zuletzt sehr erfolgreichen Theater der Ära Bernd Wilms am DT unterscheiden soll?

Das war am Deutschen Theater zuletzt vielleicht nicht so ausgeprägt. Aber es gibt dort schon die Partnerschaft des Autors Roland Schimmelpfennig und des Regisseurs Jürgen Gosch. Mit beiden ist ein Projekt für die nächste Spielzeit verabredet. Diese kontinuierliche Zusammenarbeit zwischen Autoren, Regisseuren und einem Ensemble, für das neue Stücke geschrieben werden, ist für mich ein notwendiger Treibstoff. In Berlin gibt es ähnliche Verbindungen ja auch an der Schaubühne zwischen Thomas Ostermeier und David Gieselmann oder Marius von Mayenburg.

Welche Autoren bringen Sie denn neu nach Berlin?

Das ist natürlich Dea Loher, die in Berlin lebt, aber ihre preisgekrönten Stücke hat bisher vor allem Andreas Kriegenburg inszeniert, der aus Hamburg als einer unserer festen Regisseure ans DT kommt. Andere Namen sind der Schweizer Dramatiker Lukas Bärfuss oder Juliane Kann – und wir würden auch gerne weiter mit Armin Petras alias Fritz Kater zusammenarbeiten. Aber Petras ist in Berlin schon Intendant des Maxim-Gorki-Theaters. So wird aus der Kooperation nun freundschaftliche Konkurrenz.

Wollen Sie am DT Ihr jährliches Autorentheaterfestival fortführen?

Ja, das habe ich bei den Vertragsverhandlungen mit dem Regierenden Bürgermeister besprochen. Es muss als zehntägiges Festival mit Extramitteln finanziert werden, und dazu braucht es neben dem staatlichen Zuschuss auch noch Sponsoren und Förderer. Zeitlich müssen wir es auch vom Berliner Theatertreffen trennen und als deutschsprachiges Festival von dem internationalen Stückefestival der Schaubühne abheben.

Vieles klingt bei Ihnen wie eine nur leicht modifizierte Fortsetzung Ihrer Arbeit am Thalia-Theater. Gibt es nicht einen Punkt des Neuanfangs?

Ich muss das Theater hier nicht neu erfinden. Aber ich möchte in Berlin in besonderer Weise um die Neugierde nicht nur des Szenepublikums, sondern auch eines jüngeren und des bürgerlichen Publikums kämpfen. Ich sehe dieses Publikum, von dem manche leichtfertig behaupten, es gäbe das gar nicht in Berlin, jeden Abend aus Ost und West im Deutschen Theater. Und was neue Regiehandschriften oder zeitnahe Stücke angeht, rennt man bei diesem Publikum nicht automatisch offene Türen ein, aber man gewinnt ein neues, jüngeres hinzu.

Regisseure wie Gosch, Michael Thalheimer oder auch Dimiter Gotscheff haben da im DT aber schon einige Türen geöffnet.

Mit ihnen werde ich auch weiterarbeiten. Aber natürlich gibt es in Berlin gewisse Publikumsvorlieben: Die einen suchen das etwas Rauere, Grellere bei Frank Castorf an der Volksbühne oder bei Armin Petras im Maxim-Gorki-Theater, die anderen fühlen sich gediegener aufgehobene bei Regiegrößen wie Claus Peymann, Luc Bondy oder Peter Stein am BE. Ich möchte das im Deutschen Theater künftig mehr durchmischen und Stoffe und Formen noch etwas unberechenbarer machen.

Wie am Thalia-Theater, das mal Hamburgs gutbürgerliches Stadttheater war?

Im Thalia hatte schon Jürgen Flimm einige Türen geöffnet, und ich habe als Nachfolger seit 2000 versucht, das weiterzuentwickeln. Doch vor dem Erfolg steht erst mal das hartnäckige Werben und Verführen des Stadt- und Stadttheaterbürgertums, ohne das ein Haus mit 1000 Plätzen am Abend gar nicht zu füllen wäre. Der Unterschied ist jedoch: In Hamburg existiert eine ziemlich strikte Trennung zwischen bürgerlicher Schicht und den neuen städtischen Unterschichten. Zwischen Reich und Arm. Man blendet aus, dass auch im relativ reichen Hamburg Mütter ihre Kinder verhungern lassen. In Berlin wäre dieser Selbstbetrug so nicht möglich. Hier sind die Grenzen der Milieus viel fließender, die Kontraste und Konflikte gegenwärtiger, das ist groß- und hauptstädtisch viel unaufgeräumter. Auch jünger. Und das würde ich schon gerne aufnehmen und mit diesen Reibungen nicht nur in der Box oder in den Kammerspielen, sondern auch auf der großen Bühne. So was passiert sicher nicht über Nacht, denn es geht bei diesem Prozess zwischen Theater und Publikum um die ästhetische Bildung. Anders gibt es keine sinnbildliche Erfahrung der Welt.

Hier spricht der Schwabe mitsamt Ihrem Landsmann Schiller aus Ihnen.

Ja klar, der aufklärerische Impuls gehört dazu!

Und wer wird das alles spielen? Sie haben schon einige Regisseure genannt, Sie bringen neben Kriegenburg aus Hamburg auch Stephan Kimmig und Nicolas Stemann mit. Wie stark verändert sich nun das Ensemble des Deutschen Theaters?

Unter den gut 40 festen Schauspielern wird es etwa zur Hälfte neue Gesichter geben. Spieler wie Ulrich Matthes oder Margit Bendokat und Almut Zilcher bleiben, auch die Gruppe um Michael Thalheimer. Einige Inszenierungen werden sowieso übernommen, „Onkel Wanja“, „Die Möwe“ oder auch „Die Perser“. Aus Hamburg kommen zum Beispiel Maren Eggert, Judith Hofmann oder Jörg Pose, und dazu werden wir noch einige interessante Gesichter aus ganz anderen Städten in Berlin präsentieren.

In der „Möwe“ von Gosch sind Corinna Harfouch und Ihr Sohn, der Schauspieler Alexander Khuon, die Protagonisten.

Mein Sohn bleibt Ensemblemitglied, und Corinna Harfouch, die nicht fest engagiert ist, bleibt uns durch Stückverträge verbunden.

Womit werden Sie Ihre Berliner Intendanz im Herbst eröffnen?

Mit einem neuen Stück. Mit einer Uraufführung.

Wäre die Zeit nicht auch mal wieder reif für ein befreiendes Lachen, für Komödien?

Wenn das Lachen etwas bewirkt, ist das natürlich das Schönste. Es ist aber auch das Schwerste, eine richtig gute Komödie. Wir haben im Thalia in dieser Richtung einiges mit Sibylle Berg, Karen Duve und René Pollesch unternommen. Es gibt in Deutschland inzwischen ein paar Beispiele im Film, auch gute Comedians, aber keinen Oscar Wilde von heute, auch nicht die bissigen Gesellschaftskomödien à la Ayckbourne. Wir spielen dann eher Feydeau. Die Begabungen, in einer heutigen Komödie etwas Wesentliches auszudrücken, ohne nicht doch wieder schwer und melancholisch zu werden, halten sich bei uns in Grenzen. Ich wäre auch gerne leichtsinniger. Doch im deutschen Theater sind wir halt immer infiziert von der großen „Relevanz“-Frage.

Ihre Planung für die erste Berliner Saison fällt genau in die Zeit der großen Wirtschaftskrise. Hat dies Einfluss auf Ihr Programm?

Nicht direkt. Auf der Bühne handeln wir ja dauernd von Gier, Verrücktheit und Machthunger, von Egomanien und den Opfern in der Gesellschaft. Das Theater ist, wie Max Frisch gesagt hat, frei, aber auf dem Markt. Und als soziale Kunstform, die starke künstlerische Egos im gemeinschaftlichen Zusammenspiel zu verbinden sucht, bildet das Theater auch im Inneren alle Spannungen zwischen Selbstsucht und Gemeinschaftsgeist ab. Aber ich muss Ihnen gestehen: Ich bin in der Wahrnehmung angeblich epochaler Daten und Dramen immer ein bisschen zögerlich. Natürlich versuche ich, die Welt ins Theater hereinzuholen und in Frage und zur Debatte zu stellen. Wir haben zum Beispiel lange vor Winnenden ein Stück über jugendliche Amok-Fantasien gemacht. Allerdings reagiere ich erst mal total bockig, wenn etwa bei der Wiedervereinigung oder beim 11. September immer gleich mit Tremolo die Weltgeschichte beschworen wird. Da entsteht dann in den Medien und in den Köpfen ein fast hysterischer Mainstream, in dem ich, der im Theater sowieso dauernd Krisen und Dramen bearbeitet, nicht mitschwimmen möchte. Auch im Privatleben sage ich: Leute, seid nie zu sicher, bleibt irritierbar, achtet auf eure Kinder!

Da heißt es immer, die Theaterleute seien Visionäre, Träumer, Utopisten.

Davon muss man was haben. Ich bin ja auch begeistert von tollem Theater. Aber das schließt den Skeptiker nicht aus. Mir liegt das Wort von Peter Rühmkorf: Bleib erschütterbar und widersteh!

Das Gespräch führten Peter von Becker und Rüdiger Schaper.

Unter den Theaterleuten ist er einer der Stillen – und derzeit der erfolgreichste Intendant. Ulrich Khuon, geboren 1951 in Stuttgart,
leitet ab der nächsten Spielzeit das Deutsche Theater Berlin.

Er studierte Jura, Germanistik und Theologie und begann seine Bühnenkarriere in Konstanz am Stadttheater, wo er von 1988 bis 1993
Intendant war. Danach leitete er bis 2000 das Schauspiel in Hannover, um anschließend nach Hamburg ans Thalia- Theater zu wechseln. Dort hat er sich durch nachhaltige Pflege von Ensemble, Regisseuren und vor allem auch zeitgenössischen Dramatikern ausgezeichnet.

Khuon übernimmt von seinen Vorgängern Bernd Wilms und Oliver Reese am DT ein Haus in bestem Zustand.
Am Donnerstag will er auf einer Pressekonferenz seine detaillierten Pläne vorstellen.

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