Vagantenbühne : Wildes Leben, früher Tod

Die Vagantenbühne zeigt Bernward Vespers "Reise". Drei Schauspieler nähern sich Vesper, nehmen das emotionale Ungestüm und die analytische Klarheit seiner Bekenntnisse auf.

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Vater war Gott, Gott war Vater. Niederdrückender, fast versklavender Ausgangspunkt für ein Dasein in aufgewühlten Zeiten. Bernward Vesper, 1938 in Frankfurt (Oder) geboren, aufgewachsen auf dem Gut Triangel am Südrand der Lüneburger Heide, vermochte sich von dem hoch verehrten, alles beherrschenden väterlichen Vorbild nur mühsam zu lösen. Will Vesper war ein völkischer Dichter, dem Nationalsozialismus über dessen Ende hinaus in fanatisch religiöser Verehrung ergeben. Der Sohn suchte in einem kräftezehrenden Ringen einen anderen, einen eigenen Weg, verband sich mit Gudrun Ensslin, verweigerte aber dem aufkommenden Terror der 68er Bewegung die Gefolgschaft. Unruhig zog er durch Europa, verfiel den Drogen, versuchte zu schreiben. 1971 nahm er sich in der psychiatrischen Klinik Hamburg-Eppendorf das Leben, der Lebensbericht „Die Reise“ blieb Fragment.

Dieses autobiographische Bekenntnis-Buch hatte Vesper als letzten Behauptungsversuch in Angriff genommen, um Klarheit über sich selbst zu gewinnen, schonungslos, wütend, fordernd. Fragmente des Fragments hat das Theater Erlangen auf die Bühne gebracht, die Inszenierung von Eike Hannemann (Textfassung Marc Pommerening) war jetzt in der Berliner Vaganten-Bühne zu sehen.

Drei Schauspieler, Martin Molitor, Peter Neutzling, Daniel Wagner, nähern sich Bernward Vesper, nehmen das emotionale Ungestüm und die analytische Klarheit seiner Bekenntnisse auf, geben ihnen Körperlichkeit, machen sie sinnlich, sogar unterhaltsam. Das Hantieren mit Schreibmaschinen unterschiedlichster Art, das Verzückt- und Verrücktsein im Drogentrip, die Hingabe an Musik und ekstatische Bewegung sollen die Unruhe eines jungen Mannes verständlich machen, der sich nicht einzufügen vermochte und an sich und der Gesellschaft seiner Zeit verzweifelte.

Mitunter gerät das, besonders in den Einspielungen „einschlägiger“ Musik der wilden Jahre vor dem Deutschen Herbst, etwas gewollt. Die Inszenierung gewinnt dann Überzeugungskraft, wenn die poetisch hochgeladenen Texte in ihrer Komplexität zum Leben kommen, ohne fleißig gesuchte Zutaten und angestrengte Verbrämungen.

Noch einmal am 30. Januar

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