Vivaldi : Kosky inszeniert Orlando Furioso

Viva Vivaldi: In Basel macht sich Barrie Kosky für "Orlando Furioso" stark. Doch die Drastik und das Tempo Koskys laufen wiederholt ins Leere der großen Da-Capo-Arien.

Jörg Königsdorf

Während die anderen noch feiern, ist man am Baseler Theater schon einen Schritt weiter. Statt den pflichtschuldigen Beitrag zum Händel-Jubiläum abzuliefern, setzt die derzeit aufregendste Musiktheaterbühne im deutschsprachigen Raum lieber jenen Barockkomponisten aufs Programm, dessen Opern gerade erst großflächig wiederentdeckt werden: Antonio Vivaldi. Niemand zweifelt mehr die Repertoiretauglichkeit Händels an. Doch ein solcher Beweis ist für die Opern des Venezianers noch zu erbringen.

Zwar ist die Edition des französischen Labels Naive, die mittlerweile gut die Hälfte der Vivaldi-Opern vorgelegt hat, mit inzwischen über einer halben Million verkaufter Exemplare zum großen Überraschungserfolg des CD-Marktes geworden, aber man fragt sich doch: Taugen die Stücke mit ihren exorbitanten sängerischen Anforderungen, ihren hintersinnigen Libretti und ihren ellenlangen Rezitativen auch für die Operbühnen des 21. Jahrhunderts? Und hat Vivaldis oft sarkastisches Spiel mit den Regungen des Herzens, sein Balanceakt zwischen maskierten und demaskierten Gefühlen überhaupt im Hier und Heute einen Platz?

In Basel ist man jedenfalls davon überzeugt und hat für den „Orlando Furioso“ mit Barrie Kosky auch einen Regisseur verpflichtet, der Oper mit einer so lebensprallen Gegenwärtigkeit aufladen kann wie kaum jemand sonst. Auf die glühende Sinnlichkeit von Vivaldis Musik reagiert der Australier, der 2011 Berlins Komische Oper übernehmen soll, denn auch mit verführerischen Bildern. Die Zauberin Alcina, die hier versucht, den liebesrasenden Roland und seine Angebetete Angelica auseinanderzuhalten, räkelt sich schon zu Beginn als sexbesessener Vamp lasziv am Pool und lässt sich von einer Truppe ansehnlicher Lustknaben verwöhnen. Und bis auf Orlando, der das Spiel nicht mitmachen will, geben sich auch alle anderen der Verwechslung von Liebe und Trieben hin und fallen in den weiträumigen Gemächern von Alcinas Luxusbungalow (Ausstattung: Esther Bialas) immer wieder kreuzweis übereinander her. Dass in der Katerstimmung des Schlussaktes alle erkennen müssen, dass da irgendetwas falsch gelaufen ist und sie in Wirklichkeit allein geblieben sind, ist nur konsequent.

So weit, so gut. Dennoch will der Abend in Basel nicht recht in Gang kommen, findet nicht zu einem Atem und inneren Rhythmus, der durch die dreieinhalb Stunden Rolandsraserei getragen hätte. Denn die Drastik und das Tempo, mit denen Kosky immer wieder das Tempo dieser bitteren Komödie anziehen will, laufen wiederholt ins Leere der großen Da-capo-Arien: Wo eben noch wilde Schürzenjägerei angesagt war, steht im nächsten Moment einfach jemand da und singt.

Und wenn dieser Jemand das auch noch so großartig macht wie der kanadische Countertenor David DQ Lee in seiner magischen Auftrittsarie „Sol da te“, wird plötzlich sonnenklar, dass die innere Wahrheit von Vivaldis Figuren sich nicht mit den Mitteln von Koskys Aktionstheater fassen lässt. Vielmehr driften die Gestalten in solchen Momenten auf eine Wirklichkeitsebene ab, die mit der Bewegungsrichtung einer theatralischen Handlung zu tun hat.

Das funktioniert allerdings nur, wenn die Sänger wirklich erstklassig sind – ein Niveau, das neben Lee nur Franziska Gottwalds Alcina einigermaßen erreicht. Der Rest bleibt blass und wird von dem stromlinienförmigen Streicherklang, zu dem der Barockspezialist und Chef der Potsdamer Kammerakademie Andrea Marcon das Basler La-Cetra-Barockorchester animiert, gewissermaßen fortgespült.

Ob die für die kommende Spielzeit angekündigten Vivaldi-Inszenierungen in München (Christoph Nel) und Frankfurt (David Bösch) den rasenden Roland besser bändigen können? Die Rückkehr Vivaldis auf die Opernbühne hat jedenfalls gerade erst begonnen.

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