Volksbühne : Bagage à trois

René Pollesch eröffnet den Volksbühnen-Prater mit einer Chor-Komödie. Das Volkstheater in der Vorstadt erinnert an die alten Zeiten.

Rüdiger Schaper

BerlinDas Leben ist ein Chanson, das Leben ist Operngeschrei, das Leben ist im Prater bei René Pollesch natürlich auch – darf man das überhaupt noch sagen? – eine Baustelle. Aber bloß keine Angst vor Klischees: Polleschs Theater besteht ja aus nichts anderem als Oberflächen und wild gewordenen Synapsen. Es ist angenehm flach und immer auf Speed. Als einer der Ersten hat Pollesch kapiert, dass wir eine Renaissance der Komödie brauchen, der bürgerlichen Komödie: Da herrscht permanent Krise, liegen die Nerven blank, geht die Fieberkurve planlos rauf und runter. Das Thema Geld und Liebe muss man nicht neu erfinden.

Der renovierte Prater wird jetzt bis in den Spätherbst die einzige Spielstätte der Volksbühne sein; am Rosa-Luxemburg-Platz führt das Handwerk Regie, aber auch in der Kastanienallee herrscht noch Rohbauatmosphäre, es wird weiter ausgebaut. Der Volksbühne kann der Umzug gut tun. Die Stimmung im Prater trifft den alten, anarchischen Nerv des Hauses Castorf – aber was soll man sich hier mit mehr oder weniger schlauen Beobachtungen aufhalten! Pollesch nimmt den Prater im Sturm, mit einem vollkommen sinnfreien Lust- und Frustspiel. Ein selbstläuferischer Käse.

Irgendwann in den siebziger Jahren gab es einmal eine französische Filmkomödie mit dem schönen Titel „Un elephant ça trompe énormement“, daraus macht Pollesch „Ein Chor irrt sich gewaltig“, er sampelt seinen Text mit Zitaten von Foucault, Agamben, Dietmar Dath und anderen gepflegten Irrtümern. Unmöglich, auch nur in Ansätzen so etwas wie eine Handlung zu erkennen. Auf Biergartensitzbänken, mit Blick auf einen gewaltigen geblümten Vorhang, erlebt man eine hauptstädtische Vorstadtklamotte. Sophie Rois kommt nach Hause, ihre Möbel sind weg, die Wohnung leer, auch der Geliebte (oder die Geliebte) ist verschwunden, dafür klopft ein 17-jähriger Pennäler an, er ist verrückt nach Madame. Fordert freie Liebe – und Schluss mit den Konventionen! Aber eigentlich und angeblich geht es um Kapitalismuskritik, oder darum, dass der Kapitalismus nicht kritisierbar ist, jedenfalls nicht mit den Mitteln des Theaters ...

Chaos auf der leeren Bühne von Bert Neumann. Madame Rois bekommt von Brigitte Cuvelier den entzückendsten Französischunterricht, und Jean Chaize, als schlurfender running gag, erklärt, dass er kein Engländer ist, sondern ein Franzose, „sonst hätte ich nicht so einen bescheuerten Akzent“. Ein gutes Stichwort: bescheuert. Großartig und bescheuert ist der Grundeinfall, einen achtköpfigen Mädchenchor antanzen zu lassen. „Da klopft mein Chor“, schreit Madame Rois. Mein Chor, mein Verehrer, meine Familie, meine Bagage, meine Blamage. Dieser etwas tumbe, anhängliche Chor, angeführt von Christine Groß, stellt immer nur eine Figur vor, aber nicht immer dieselbe. Und immer in Rage.

Bemerkenswert ist an dieser philosophischen Soap-Opera mit Opern-Karaoke und französischen Uralt-Hits in Endlosschleifen („Pour un flirt“, „Natalie“) zweierlei: Pollesch präsentiert und seziert die reine Komödienmechanik, das Stück ist mehr Bauplan, mehr Entwurf als Ausführung. Und er schafft es tatsächlich, in knapp siebzig Minuten sein Hysterie-Prinzip „Alles ist schon gesagt, aber noch nicht von jedem, und auch noch nicht oft genug“ vollkommen ad absurdum zu führen. Ein Theaterabend wie ein Croissant: schmeckt süß und knusprig und ist doch am Ende bloß dünner Teig und gebackene Luft. Sehr zu empfehlen.

Wieder am 4., 7., 17. und 30. April.

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