Volksbühne : Der Schein tötet

Ivan Stanev untersucht im Volksbühnen-Prater den "Mord im Burgtheater": Das Problem ist, dass Stanev alles in schlappe 85 Minuten gepackt und jede Assoziation lediglich kurz angerissen hat.

Christine Wahl

Die Peymann-Fraktion wäre begeistert: Großformatig flimmert im charmant abgewrackten Prater die Außenansicht des ach so wunderschönen Wiener Burgtheaters über die Bühne. Es folgen Kamerafahrten durch den leeren Zuschauerraum, die die rotsamtenen Edelsitze zur Geltung bringen. Später sieht man brave Kulturkonsumenten die Treppe zum Dramengenuss emporflanieren. Das Burgtheater als Inbegriff eines Kunst- und Nationalheiligtums: Die Videoabteilung der Volksbühne (Jens Krull, Konstantin Hake) hat wirklich ganze Arbeit geleistet!

Da wir nun aber nicht bei Peymann sind und auch nicht bei seinem smarten Nach-Nachfolger Matthias Hartmann, sondern in der Volksbühnen-Dependance auf der Kastanienallee, kann es nicht lange dauern, bis der schöne museale Schein hoffnungslos zusammenkracht. Und weil die Video-Projektionsfläche praktischerweise aus lauter Pappmaché-Bausteinen besteht, geht das auch denkbar schnell und effektvoll vonstatten. Vom theaterideologischen Aspekt abgesehen, gibt es für diese brachiale Dekonstruktion aber auch eine historische Legitimation: Tatsächlich ging der Wiener Theatertempel am 8. Mai 1925 durch einen politisch motivierten Mord in die Kriminalgeschichte ein. Während auf der Bühne mit gewaltigem Illusionsaufwand Ibsens „Peer Gynt“ abschnurrte, brach sich in der Loge ein höchst reales Drama Bahn. Die Bühnensimulation gesellschaftlicher Diskurse – schließlich gilt „Peer Gynt“ als eine Art nordischer „Faust“ – wird durch terroristische Pistolenschüsse im Zuschauerraum mal eben links überholt. Idealer Theaterstoff!

Kompliment also für Ivan Stanevs Idee, den Fall mitsamt Gerichtsprozess unter dem Motto „Mord im Burgtheater“ aufzurollen und assoziativ zu überschreiben. Gerade albern sich Fabian Gerhardt und Martin Olbertz mit großem Behauptungswillen durch die pittoresken Meeresfluten des letzten Peer-Gynt-Akts, als Jeanette Spassova in Gestalt der mazedonischen Rumänin Melpomena Karniceva eine Pistole zückt und dem mazedonischen Revolutionär und Föderalisten Todor Panica den Kopf vom adrett gekleideten Körper schießt. Panica sitzt bei Stanev als leicht debil dreinschauende Puppe mit einer Popcorntüte in der Hand hinter einer Glasscheibe, die sich auch sogleich effektsicher rot färbt. Im Prozess wird Karniceva das Attentat damit begründen, dass Panica ein „schlechter Mazedonier“ gewesen sei. Zunächst aber sagt Spassova: „Der Untergang steht schon seit Ewigkeiten auf dem Spielplan.“

Die Assoziationslinien, die in so einem Satz Platz haben, kann man natürlich gar nicht zählen. Aber Stanev, der ja nicht nur Regisseur, sondern auch Philosoph ist, wollte offenbar nach Möglichkeit wirklich keine auslassen.

Es beginnt damit, dass der Musiker Stefan Paul in den ersten Minuten als Pianist Paul Wittgenstein am Klavier Platz nimmt: Der 1887 in Wien geborene Bruder des Philosophen Ludwig Wittgenstein setzte seine Karriere, obwohl er infolge einer Kriegsverletzung einen Arm verloren hatte, erfolgreich fort. Und es hört noch lange nicht auf, als die Burgtheater-Doyenne Paula Wessely sich in der Schlusspassage via Bildschirm durch einen Nazipropagandafilm agitiert: ein Karriereweg, den viele des damaligen Wiener „Peer-Gynt“-Ensembles eingeschlagen haben sollen. Die österreichische Schauspielerin spielte zwar erst ab 1936 am Burgtheater, wurde aber insbesondere für ihre „großen Ibsen-Partien“ gelobt. Zudem führt Stanevs Weg vom Burgtheater-Attentat anno 1925 natürlich einerseits zu historischen wie gegenwärtigen Balkan-Konflikten und andererseits zu jüngeren Terrorakten wie dem Geiseldrama im Moskauer Musicaltheater 2002. Walter Benjamin und Jean Baudrillard liefern zu alledem den philosophischen Sound. Fast überflüssig zu erwähnen, dass Spassovas Karniceva sich da auch noch mal kurz auf Freuds Couch niederlegen will, obwohl sich (osteuropäische) Underdogs betontermaßen eigentlich „gar kein Unterbewusstsein leisten“ können.

Das Problem ist, dass Stanev alles in schlappe 85 Minuten gepackt und jede Assoziation lediglich kurz angerissen hat. Das ist ein bisschen so, als würde man sich durch die weltweiten Wikipedia-Welten klicken und immer gleich beim erstmöglichen Link das Sujet wechseln. Es sieht zwar gut aus und ist auch irgendwie stimmig, wie Jeanette Spassova stets die Überblendung der Überblendung und das Zitat des Zitats spielt. Aber inhaltlich verliert man sich dabei haltlos in Wirrnis, die auf Dauer auch ziemlich ermüdet. Die künstliche Riesenspinne, die zum Schluss, gleichsam als Zentrum des dünn gesponnenen Assoziationsnetzes, von hinten durch die zweite Pappmaché-Bühnenwand bricht und sich mit ihren klackenden Metallbeinen durch die Bauteile frisst, hat schon recht, wenn sie bereits weit vor der Rampe erschöpft stehen bleibt: Die reale Gefahr fürs Prater-Parkett bleibt an diesem Abend überschaubar.

Wieder am 26.4. sowie am 3. und 7.5.

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