Volksbühne : Quai West: Museum der Gefühle

Werner Schroeter inszeniert an der Volksbühne "Quai West": Das Problem des Stücks ist seine Künstlichkeit, und sein schwer erträgliches Endzeit-Raunen. Dafür, dass angeblich alle ums „Überleben kämpfen“, wird verdammt viel geredet, monologisch, weil natürlich keinerlei „Solidarität“ vorhanden ist.

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Dann wache ich auf dem Sitzkissen wieder auf. Wie viel Zeit ist vergangen? Eine Minute? Eine halbe Stunde? Auf dem Zifferblatt meiner Armbanduhr ist im gräulichen Sphärendunkel des Volksbühnensaals nichts zu erkennen. Die Zeiger scheinen weg, wie auf einem Bild von Dali. Rechts von mir höre ich jemanden ruhig und gleichmäßig atmen. Links knistert das Bodenkissen des anderen Nachbarn, sehr leise. Ich schaue mich um. Hunderte Menschen lagern, über teppichbezogene Stufen verteilt, auf weißen Kissen, die meisten liegen, die Arme vor der Brust verschränkt, und wirken, als würden sie schlafen.

Vorn ist noch alles wie vor meinem Theaterschlaf. Eine schräg gestellte Scheibe nimmt den Bühnenraum (Jochen Hochfeld) ein. Eine nackte Scheibe, auf der sich acht Schauspieler bewegen oder apathisch am Scheibenrand sitzen. Die gute alte existenzialistische Leere, in der acht Schauspieler Rituale der Sinnlosigkeit aufführen. Das Stück heißt „Quai West“ und ist von dem französischen Autor Bernard-Marie Koltès, der vor zwanzig Jahren an Aids verstarb. Acht Gestrandete treffen an den Hafendocks irgendeiner westlichen Großstadt aufeinander. Die Fähre geht schon lange nicht mehr, die Wasserversorgung ist unterbrochen. Ein Bankier und seine Sekretärin sind auch dabei. Er hat Geld veruntreut und will sich jetzt umbringen, aber das gelingt nicht. Die anderen fischen ihn lebendig aus der Hafenbrühe, versprechen sich etwas von ihm, Geld, Hoffnung, eine Zukunft. Der Geist des Einfach-nur-Haben-Wollens bestimmt alle Begegnungen.

Das Problem des Stücks ist seine Künstlichkeit, und sein schwer erträgliches Endzeit-Raunen. Dafür, dass angeblich alle ums „Überleben kämpfen“, wird verdammt viel geredet, monologisch, weil natürlich keinerlei „Solidarität“ vorhanden ist. Nach Jahren, in denen Koltès-Stücke von den Bühnen nahezu verschwunden waren, werden sie zur Zeit wieder öfter gespielt. Aber warum eigentlich? Das will oder kann Schroeter auch nicht beantworten. Der Abend ist nicht das, was man misslungen nennen würde – dafür ist die Choreografie der Zusammenstöße zu tänzerisch, dafür nimmt Schroeter seine Schauspieler zu genau an die Hand. Aber alles bleibt fern, egal, in eine Belanglosigkeit hineinmusealisiert.

Die Reduktion, die Schroeter offenbar anpeilt, führt nicht zu Verdichtung oder Poesie, sondern nur dazu, dass sich das Ächzen und Quietschen, mit dem die Techniker die Bühnenscheibe mal hoch- und dann wieder herunterfahren, in den Vordergrund schiebt. Das Sekretärinnentrippeln von Pascale Schiller oder das nervöse Fußzucken, mit dem Maria Kwiatkowsky, die junge, von Fak (Christoph Letowski) bedrängte Claire ausstattet – das ist doch unterhaltsam. Warum berührt es nicht? Es ist die Verbindung der Kabinettstückchen, die der Abend nicht hinbekommt, das, was mit der Sprache nicht zu fassen ist, ist auch nicht zu spüren. Es ist einfach nicht da. So reiht sich ein Einzelauftritt bleiern an den nächsten, und die Wirkung der Charaktere wird von der grauen Weite des Bühnenschachtes, von den undankbaren Dimensionen des Hauses einfach aufgesogen. Man schaut, ohne etwas zu sehen, bis das, was man sieht, schon der eigene Traum ist. Nach zwei Stunden ist der Spuk vorbei. Das Rascheln der Sitzsäcke wird lauter. Überall hört man das Knacken von Knochen.

Wieder heute und am 24.3.

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