Vor dem Elias-Konzert : So brachte Halsey den Rundfunkchor an die Spitze

Chorleiter ist ein wunderbarer Job. Vor allem, wenn man mit einem so traditionsreichen Profi-Ensemble wie dem 1925 gegründeten Rundfunkchor Berlin arbeiten darf. Als Simon Halsey 2001 in die deutsche Hauptstadt kam, übernahm er einen sehr guten Chor, inzwischen hat er ihn zum Weltspitzenensemble gemacht.

Frederik Hanssen

BerlinSowohl 2008 als auch 2009 haben der Brite und seine 64 Sängerinnen und Sänger für ihre CD-Einspielungen Grammys eingeheimst.

Wenn Simon Rattle für seine Konzerte mit den Berliner Philharmonikern einen Chor braucht, ruft er zuerst bei Simon Halsey an – und zwar nicht nur, weil sich die beiden seit fast drei Jahrzehnten kennen, als sie blutjung waren und das Musikleben von Birmingham aufmischten. Mehr als die Hälfte seiner Auftritte absolviert der Rundfunkchor zurzeit mit den Philharmonikern. Und im Sommer wird die eigentlich auf Konzerte spezialisierte Truppe in Aix en Provence im Kostüm auf der Bühne stehen, wenn Rattle und die Berliner dort ihr „Ring“-Großprojekt mit der „Götterdämmerung“ vollenden. Auch innerhalb der vom Casus Metzmacher gebeutelten Berliner Rundfunkorchester und -chöre GmbH stehen Halsey und die Seinen glänzend da: als Klangmagier-Truppe, die mit ihrer bestechend reinen Tongebung ebenso fasziniert wie mit ihrem satten, ausdrucksvollen, körperlichen Mischklang.

Chorleiter ist aber auch ein grausamer Job. Weil die eigene Arbeit dem Publikum fast immer verborgen bleibt. Der Orchesterdirigent steht den ganzen Abend im Mittelpunkt, der Chor steht hinten auf der Bühne, Simon Halsey sitzt irgendwo unerkannt im Saal oder wartet im Backstage-Bereich. Wenn beim Schlussapplaus neben den Solisten und dem Maestro die schlanke Figur eines bebrillten 51Jährigen auftaucht, stoßen sich die Leute an und fragen: „Wer ist denn der?“ Das muss ein künstlerisches Ego erst einmal aushalten können.

Als im Februar die Grammy-Nachricht eintraf, hieß es überall sofort: Die Philharmoniker sind für ihren Strawinsky prämiert worden! Dabei wurde die Auszeichnung in der Kategorie „best choral performance“ verliehen, und der Rundfunkchor ist auf der CD gerade einmal bei einem der drei Stücke dabei. Das Orchester hat die Trophäe dann auch sofort an die Sänger weitergereicht.

Geboren wurde Simon Halsey 1958 als Sohn eines Chorleiters und einer Sängerin in London. Er studierte am New College Oxford sowie am King’s College Cambridge, wurde als 22-Jähriger Musikdirektor der University of Warwick. Den 200-köpfigen Chor, den er 1980 in Birmingham übernommen hat, leitet er noch immer, seinen Job als Chefdirigent des Groot Omroepkoores Hilversum hat er 2008 nach sechs Jahren abgegeben, vor allem um mehr Zeit für den Rundfunkchor zu haben. Seitdem braucht Halsey nicht jedes Mal direkt aus dem Flieger in die Probe zu hechten. Zum Beispiel um den Chor für Konzerte mit den Philharmonikern vorzubereiten: Von Freitag bis Sonntag singen sie den „Elias“ unter Seiji Ozawa, vom 22. bis 25. Mai dann Schubert unter Claudio Abbado.

100 Tage muss Halsey laut Vertrag pro Spielzeit in Berlin anwesend sein – in diesem Jahr wird er sein Soll um fast zehn Wochen übererfüllen. Denn Chordirektor Hans Rehberg verführt seinen Chef zu immer neuen Experimenten: Da sind die Mitsingkonzerte, bei denen Halsey mit tausenden Amateuren musiziert, da ist das „Leader Chor“-Projekt, bei dem Führungskräfte an einem Wochenende ein ganzes Konzertprogramm erarbeiten, da sind vor allem auch die Flirts mit anderen Genres, bei denen der Gruppengesang in Dialog mit Tanz, Musiktheater oder zeitgenössischer Kunst tritt. „Broadening the scope of choral music“ lautet das Motto dieser Projekte: den Wirkungsradius der Chormusik erweitern.

Fragt man den Briten nach künstlerischen Zielen, zaubert er ein hintersinnig-britisches Lächeln auf sein Gesicht: „Ich wünsche mir, dass die Leute sagen: Gestern habe ich den tollen Rundfunkchor mit den Berliner Philharmonikern gehört. Und nicht umgekehrt.“

Infos: www.rundfunkchor-berlin.de

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