Kultur : Bürger, an die Tasten!

Ein

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von Gregor Dotzauer

In der guten alten Zeit, als die griechischen Bürger sich auf der Agora trafen, um den politischen Austausch von Angesicht zu Angesicht zu pflegen, war an Weblogs noch nicht zu denken. Selbst 2000 Jahre später, als im Londoner Hyde Park Suffragetten, Anarchisten und Antiklerikale Speaker’s Corner enterten, um ihr Recht auf öffentliche Meinungsäußerung wahrzunehmen, konnte niemand ahnen, dass sich einmal Tausende von Bürgern über ihre Computer unsichtbar und oftmals unter Pseudonym vernetzen würden. Steht eine neue basisdemokratische Revolution bevor?

In der Geschichte des Internet gab es von Anfang an Foren und Chatrooms für alles und jeden: für Neonazis ebenso wie für Opfer der Schuppenflechte. Gehör außerhalb der eigenen Gruppe wollte damit niemand finden. „Au blog citoyens!“, titelte „Libération“ kürzlich und berichtete von einem Blogger namens Christophe Grébert. Er brachte den Rathausclan im Pariser Vorort Puteaux mit seinen Berichten über die städtische Baupolitik so in Bedrängnis, dass er nun wegen Diffamierung angeklagt ist. Das klingt, als wäre das Konzept der Gegenöffentlichkeit, erweitert um die Möglichkeit des spontanen Kommentars, auferstanden – und vor allem bei lokal begrenzten Fällen trifft das auch zu. Die Gier der etablierten Medien nach BloggerEinträgen, deren inflationäre Menge dazu tendiert, die einzelne Äußerung im globalen Stimmengewirr zu begraben, spricht für etwas anderes.

Einerlei, ob die Internet-Tagebücher der hurrikanflüchtigen Bewohner von New Orleans im O-Ton zitiert werden oder Volkes Seele das Stethoskop bei politischen Wutausbrüchen aufgesetzt wird: Aus der Perspektive von Journalisten handelt es sich um die fünf Sätze ungefilterte Emotion, um die sie sich so verzweifelt bemühen und die das eigene Distanzgebot doch verbietet. Aus der Perspektive der Blogger sind es aber die fünf Sekunden Berühmtheit, die ihnen gebühren: ein Stück Augenzeugenschaft für jedermann, auf einer Ebene mit den Autofahrern, die im Radio „aktuelle Staus und Blitzer“ melden. Wenn die „Süddeutsche Zeitung“ nun im großen Stil Blogs für eigene Autoren einrichtet, schließt sich der Kreis von gedrucktem, in der Regel sorgfältig formuliertem Hauptprodukt und elektronisch hingedaddelten Nebenaspekten, von Top-News und Paria-Nachrichten. Als könnte jeder zu jedem Thema zwei Meinungen haben: eine öffentliche und eine nicht ganz so öffentliche.

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