Kultur : Bürger, werdet wieder bürgerlich Joachim Fest bei den Berliner Lektionen

Ulrike Baureithel

Wer öffentlich zu bürgerlichen Tugenden aufruft, steht im Abseits. Das ahnte schon der deutsche Romanist Ernst Robert Curtius, als er 1932, im 100. Todesjahr Goethes und am Vorabend der nationalsozialistischen Machtergreifung, mit seiner programmatischen Kampfschrift „Deutscher Geist in Gefahr“ gegen den jüdischen Soziologen Karl Mannheim in Stellung ging. Er versuchte, die bürgerliche Elite gegen nationalsozialistische Barbarei und sozialistische Revolution gleichermaßen zu mobilisieren. Wenn sich das Bürgertum auflöse, prophezeite Curtius, vergehe mit ihm die Substanz des deutschen Bildungsbesitzes.

Auch Joachim Fest weiß um den verlorenen Posten, auf dem er kämpft. Wer an einem verregneten Berliner Sonntagvormittag im bürgerlichen Renaissance-Theater vor einem ergrauten bürgerlichen Publikum „Lektionen“ erteilt, rechnet nicht mehr mit dem Sieg jener konservativen Bürgerelite, deren Versagen 1933 sinnfällig wurde. Dass Fests bürgerliche Kleiderordnung dabei nur von einem grau bewamsten Jan Roß, der als Stichwortgeber fungierte, überboten wurde, signalisiert das melancholische Einverständnis und den Wunsch, das bürgerliche Zeitalter zumindest vestimentär geordnet zu verabschieden.

Kein Ausblick auf die „Rolle der bürgerlichen Intellektuellen im 21. Jahrhundert“ also, wie von den veranstaltenden Berliner Festspielen angekündigt, sondern ein langer Rückblick, der sich nicht um die Intellektuellen drehte, sondern um den intellektuellen Bürger Fest, der als Kind und junger Mann wie viele seiner Generationsgenossen ins Gravitationsfeld des Nationalsozialismus geraten und von diesem geprägt worden war.

Für ihn wie viele andere Deutsche nicht-jüdischer Herkunft stellte sich die (in guter bürgerlicher Tradition lateinisch formulierte und zum Lebensmotto erhobene) Gretchenfrage: Et si omnes, ego non. Muss man mitmachen, weil alle es tun? Für Fests Vater, einem dem linken Zentrum zugehörigen und im Reichsbanner aktiven, nach 1933 „abgebauten“ Oberschulrat, war das keine Frage. Und für den halbwüchsigen Sohn Joachim, der sich – gegen den Willen des Vaters – freiwillig zur Luftwaffe meldete, um, wie er sagt, der Waffen-SS zu entgehen? Das habe ihn erstmals in ernsthafte Konflikte gebracht, erinnert sich Fest, für den der Vater sichtlich noch immer das Zentrum bildet, während die ängstliche Mutter am Rande steht – auch dies konservative Bürgerlichkeit, verbürgt in der ausschließlich männlichen Genealogie.

Der nach eigenen Worten „um den Generationenkonflikt betrogene“ Fest konnte mit dem „Vatermord“ der 68er deshalb nur wenig anfangen. Nicht die Vergangenheit, bekundete er unter Applaus, habe die Revolte motiviert, sondern die Lust, die Väter aus dem Amt zu jagen. An der Meinhof, der begegnet zu sein noch den alten Mann mit leisem Stolz erfüllt, habe er jedenfalls nicht die Radikalität bewundert. Vielleicht war es nur die radikale Konsequenz, mit der sie den aussichtslosen „Kampf gegen den Drachen“ führte.

Hat der Weltgeist dem Bürgertum 1989 neuen Atem eingehaucht, als sich die Bewohner der DDR für die bürgerliche Gesellschaft entschieden? Oder ist es der umfassende globale Markt, der den Bürger als teilhabenden Citoyen bedroht? Auf diese Fragen gibt der ehemalige FAZ-Herausgeber in seiner von dem Schweizer Publizisten Frank A. Meyer moderierten Unterhaltung mit Wolf Jobst Siedler („Der lange Abschied vom Bürgertum“, wjs Verlag, Berlin 2005, 140 Seiten, 18 €) so wenig eine verlässliche Antwort wie im Gespräch mit Jan Roß.

Der lange Abschied vom Bürgertum, daran sollte erinnert werden, wurde exekutiert mit der Austreibung bzw. Ermordung der bürgerlich-jüdischen Intellektuellen nach 1933, zu denen eben auch Karl Mannheim gehörte. Von diesem Exodus hat sich das Land nie wieder erholt. Deshalb muss es nun konservative Sonntagslektionen ertragen.

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