Kultur : Bürgergeist & Künstlerglück

LESUNG

Christoph Funke

Am Künstlertum und seiner „menschlichen Wirkung“ leidet Tonio Kröger , Held der gleichnamigen, vor 100 Jahren erschienenen Novelle von Thomas Mann. Tonio, der verirrte Bürger, weiht sich der Dichtung, und ist doch gerade denen „in keuscher Seligkeit“ zugetan, die kalt und stolz von aller Kunst-Sehnsucht unberührt bleiben. Inge Keller las die Novelle am Abend ihres 80. Geburtstags im Deutschen Theater . Sie stellte sich ganz in den Dienst der „keuschen Seligkeit“, mit der Thomas Mann die Aufhebung des Widerspruchs von Schöpfertum und Alltags-Tüchtigkeit möglich zu machen versucht. So war die Lesung nicht nur Dienst an einer großen Dichtung, sondern auch Lebensbilanz einer einzigartigen Schauspielerin.

War es ein Vortrag? War es nicht eher eine zweite Schöpfung der Novelle? Keller hört in die rhythmisch strömenden Sätze hinein, entdeckt ihre bis zum Letzten ausgekosteten Spannungen, begegnet dem Grüblerischen und bleibt dabei locker, überlegen. So bringt sie Gedanken zum Schwingen, in der schwärmerischen Bewunderung des Geschriebenen, aber eben auch mit leisem, gütigem Spott. Das selbstquälerische Ringen des Helden um die „Bürgerliebe zum Menschlichen“ wird zur gestisch gedeuteten Geschichte, eine Lektüre mit Anmut und Überlegenheit. Fast zwei Stunden hält Inge Keller das Publikum in Atem und wird jubelnd gefeiert.

Zuletzt eine Überraschung: Fred Düren ist aus Israel gekommen, um der bewunderten Kollegin zu gratulieren – lange, herzliche Umarmung im Beifallssturm, vor dem Strauß mit 80 Rosen, die Intendant Bernd Wilms der großen Dame des Deutschen Theaters am Schluss ihrer Lesung überreicht. Lange können sich Inge Keller und Fred Düren, die so oft in großen Aufführungen gemeinsam auf der Bühne des Deutschen Theaters gestanden hatten, nicht voneinander trennen.

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