Bürgerkrieg in Syrien : Das Leben liegt auf der Straße

„Letters from Aleppo“: Eine Berliner Ausstellung bringt den Horror des syrischen Bürgerkriegs nahe. Auf ungewöhnliche Weise. Einige Fotos verbreiten sogar Hoffnung in dieser Welt des Entsetzens.

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Mittendrin. In Aleppo hat Boris Niehaus das syrische Bürgerkriegsdrama dokumentiert.
Mittendrin. In Aleppo hat Boris Niehaus das syrische Bürgerkriegsdrama dokumentiert.Foto: Boris Niehaus

Boris Niehaus aka Just liebt die Gefahr, den Nervenkitzel. Wenn der Fotograf mit Sprayern und Street-Art-Künstlern durch Berlin, Warschau, New York oder Bangkok zieht, die in U-Bahn-Depots Wagen besprühen, liegt ein Hauch von Illegalität über der Szenerie. Gleichzeitig hat Just es geschafft, sich das Vertrauen der Szene zu erarbeiten und toleriert zu werden. Er schießt seine Bilder und erlaubt einen faszinierenden Einblick in der Welt der Street-Art-Künstler, wie auch jetzt in der Ausstellung „Letters from Aleppo“ im Stattbad Berlin in Wedding. Seit drei Jahren finden an diesem ungewöhnlichen und spektakulären Ort, wohin man einst zum wöchentlichen Duschen ging, interdisziplinäre Kunstaktionen statt.

Im ersten Teil der Schau zeigt er Bilder von Graffiti-Künstlern in Berlin, wie sie auf Dächern hantieren, um ihre Schriftzüge mithilfe langer Stangen auf Fassaden aufzutragen. So auch auf dem Dach des Stattbades Berlin. ABOVE JUST ist da zu lesen, gespiegelt im Wasser des Flachdaches. Eine merkwürdige Szenerie, ebenso wie die mit dem Sprayer, der in Bangkok wie Spiderman an der Fassade klebt und etwas auf die Wand sprüht. Ein Trupp von Street-Art-Künstlern balanciert nachts auf einem Dach an der Frankfurter Allee, eine beeindruckende Nachtaufnahme, die Einblicke in eine fremde Szene liefert, die Just aber vertraut ist. Und während man die gerahmten Bilder auf weißer Wand betrachtet, hört man aus Lautsprechern im Nebenraum den Lärm heftiger Schießereien, herüberklingend aus dem zweiten Teil der Ausstellung, gegenüber dem die Bilder aus den U-Bahn-Depots oder den nächtlichen Straßen Berlins geradezu friedlich wirken.

Just schaut den Künstlern über die Schulter, zeigt sie mit ihren insektenhaften Atemschutzmasken, ist ganz dicht dran an den scheuen Sprayern. Mit seiner besonderen Fähigkeit, in geschlossene Zirkel vorzudringen, hat er es im Dezember 2012 für einige Tage nach Aleppo geschafft, in die vom Bürgerkrieg zerrissene nordsyrische Metropole des Handels und der Kultur. Eine lebensgefährliche Reise. Neugier trieb ihn.

Omaijadenmoschee Aleppo in Flammen
Unersetzlicher Schaden. Nach den schweren Kämpfen, bei denen im Oktober 2012 bereits die Omaijadenmoschee in Aleppo teilweise in Brand geraten war, ist sie im April endgültig schwer zerstört worden. Das obere Foto zeigt das Minarett der Moschee, die von größter Bedeutung für die srische Architekturgeschichte ist, noch relativ unversehrt. Am 24. April 2013 wurde das reich verzierte Minarett dann bei den Kämpfen gesprengt. Die Moschee gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO.Weitere Bilder anzeigen
1 von 11Foto: AFP
16.10.2012 13:22Unersetzlicher Schaden. Nach den schweren Kämpfen, bei denen im Oktober 2012 bereits die Omaijadenmoschee in Aleppo teilweise in...

Eine schwarz gestrichene Wand deutet den Stimmungswandel in der Ausstellung an, die Aleppo-Bilder hängen in einem dunklen schwarzen Raum mit typischem Berliner Ruinen-Charme. Die ehemaligen Dusch- und Toilettenräume des Schwimmbades sind roh, rau, unverputzt. Assoziationen zu dem Anblick eines zerbombten, verkohlten Ambulanzwagens in einem Stadtviertel von Aleppo kommen auf – Jugendliche lassen sich vor einem zerschossenen Krankenwagen ablichten. Zwischen den großformatigen Fotos hängen die „Briefe aus Aleppo“, die Just aus dem Aleppo Media Center AMC per E-Mail geschickt hat.

Unerträglich laut detoniert eine Mörsergranate, kurz darauf dröhnt das Stakkato automatischer Gewehre, der Soundtrack zur Ausstellung mit Dokumenten einer zerschossenen Stadt. In Wirklichkeit sind diese rohen Mauern den Renovierungsarbeiten geschuldet, aber Kurator Guillaume Trotin von der Open Walls Gallery, die diese Ausstellung im Stattbad veranstaltet, fand genau dieses Ambiente passend für Justs Fotos.

Sie sind nicht vom Kaliber eines Magnum-Fotografen, aber sie sind authentisch, die Unschärfen werden angesichts der hämmernden Maschinengewehre verständlich. Ein mitreisender Kollege hat den Ton der Straßen und Häuser von Aleppo aufgezeichnet. Wer ein Bombardement durch einen syrischen Kampfjet erlebt hat, denkt nicht über Blenden und Belichtungszeiten nach. Just geht es aber nicht nur um die Dokumentation von Tod und Zerstörung, sondern auch um das alltägliche Leben. Das dennoch weitergeht, allem Horror zum Trotz.

Schlacht um Aleppo gefährdet Baudenkmäler
Bei der Schlacht um die syrische Stadt Aleppo werden immer mehr Baudenkmäler zerstört. Die Altstadt von Aleppo steht auf der Unesco-Liste des Weltkulturerbes. Nun brennt der historische Markt der Stadt.Weitere Bilder anzeigen
1 von 11Foto: dapd
29.09.2012 22:05Bei der Schlacht um die syrische Stadt Aleppo werden immer mehr Baudenkmäler zerstört. Die Altstadt von Aleppo steht auf der...

Und merkwürdig genug, je länger man in der Ausstellung verweilt, desto mehr gewöhnt man sich an den Lärm, der ständig aus den Lautsprechern dröhnt. Und doch: Während man gerade ein Bild betrachtet, wurde beim nächsten Knall, bei dem man noch erschrickt, vielleicht ein Mensch getötet. Just hat schnell das Vertrauen der syrischen Rebellen gewonnen, aber alles bekommt auch er nicht zu sehen. Nicht die Leichen nach der Eroberung einer Militärschule bei Aleppo. Auch die Rebellen kennen keine Rücksicht gegenüber der Assad-Armee.

Ein Foto einer Bäckerei in einer großen Fabrikhalle verbreitet so etwas wie einen Duft von Hoffnung in dieser Welt des Elends und Entsetzens, die Just nur ein paar Tage ertragen musste. Ihm ist mit dieser Installation ein beeindruckendes Dokument der Betroffenheit, aber auch der Hilflosigkeit gelungen. Die Kämpfe in Aleppo gehen unvermindert weiter. Die Kombination aus Wort, Bild und Ton in dem Ruinenambiente bringt diese Erfahrung dem Zuschauer eindrucksvoll nahe.

Stattbad Berlin, Gerichtsstr. 65, bis 2. 3.; Donnerstag bis Samstag 17 bis 20 Uhr.

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