Bürgerkrieg in Syrien : „Sie warten auf den Tod“

Die Welt schaut zu, nichts geschieht: Wie Syrer in Berlin die Tragödie von Homs erleben.

Rose-Anne Clermont
Alles kaputt. Straßenzug in Homs. Foto: AFP
Alles kaputt. Straßenzug in Homs. Foto: AFPFoto: AFP

Als Khattab (Name von der Red. geändert) vor zehn Jahren Syrien verließ, spielten Jungs wie er auf den Höfen Fußball. Seine Mutter unterrichtete in der Schule, sein Bruder arbeitete als Dozent an der Universität. Heute sind die Straßen in seinem alten Viertel Baba Amr oft leer. Nur wenige Menschen trauen sich aus dem Haus. Seine Mutter bleibt zu Hause, denn es gibt für Kinder in Homs keine Schule mehr. Sein Bruder geht nicht mehr zur Arbeit, sondern auf die Straße, um Tag für Tag gegen das Assad-Regime zu demonstrieren.

Das war das Letzte, was Khattab von seiner Familie aus Homs erfahren hat.

Seit vier Wochen hat er keinen Kontakt mehr zu ihr, da in Homs weder Telefon noch Internet funktionieren. Verbindungen im mobilen Telefonverkehr gibt es auch nicht mehr. In seiner Wohnung in Kreuzberg sieht Khattab täglich auf Facebook, Youtube, Al Dschasira und Al Arabiya, wie sein alter Kiez verschwindet. Die Moschee und die Schule, die er auf dem Bildschirm erkennen kann, „liegen wie alles in Ruinen“, sagt er verzweifelt.

Bilder, die aus der belagerten Stadt herausgelangen, zeigen Gebäudeskelette, Autowracks, Trümmer überall auf den Straßen, Tote und Verwundete. Auf den noch heilen Dächern lauern Scharfschützen. Ibrahim, ein Aktivist des Syrischen Netzwerks der Menschenrechte, berichtete mit einem Satellitenmodem aus Homs über Skype: „In der ganzen Stadt gibt es keinen Strom und kein Wasser mehr. Medizin gibt es auch nicht.“

Die Menschen dort waren die Ersten, die seit Beginn des Aufstands im März auf die Straßen gegangen sind und demonstriert haben. Homs war auch die erste Stadt in Syrien, die kurzzeitig aus der Macht der Regierung freikam und in der die demonstrierenden Zivilisten von der Freien Syrischen Armee beschützt wurden. Baba Amr ist eine Hochburg der Rebellen gewesen. Aber das ist schon wieder Vergangenheit.

27 Tage lang wurde Homs, besonders Baba Amr, erbarmungslos von der syrischen Armee bombardiert. Allein im letzten Monat wurden laut dem Syrischen Netzwerk für Menschenrechte in Homs über 500 Menschen getötet und mehr als 2000 verletzt. Das Viertel Baba Amr ist der Ort, in dem ein Haus mit Journalisten mehrmals von Bomben beschädigt wurde und zwei westliche Journalisten ums Leben gekommen sind. Alle Welt kennt diese Bilder. Nichts geschieht.

„Die Lage ist ganz, ganz schlimm“, meldete der Aktivist Waleed am vergangenen Mittwoch aus Homs. Er kommuniziert ebenfalls mit einem Satellitenmodem: „Viele schreiben ihr Testament. Sie warten auf den Tod.“

Letzten Donnerstag zog sich die Freie Syrische Armee „strategisch“ aus Baba Amr zurück, um die in Homs verbliebenen Menschen zu schützen und Hilfe zu ermöglichen. Nun kontrolliert Assads Armee wieder Baba Amr. Doch die Hilfsorganisationen kommen nicht durch. „Dem Internationalen Roten Kreuz wird der Zugang verwehrt, da die Armee des Diktators Massaker und Exekutionen durchführt und Frauen vergewaltigt. Das ist das, was tatsächlich hier passiert", meldet Ibrahim, der Aktivist, aus Homs.

Khattab trifft sich in Berlin häufig nach der Arbeit mit anderen Syrern. Sie haben im letzten April die Union Syrischer Studenten und Akademiker gegründet und planen Demonstrationen in Berlin, sammeln Spenden und machen Öffentlichkeitsarbeit. Sie recherchieren, wie sie Medikamente nach Hause schmuggeln können. Einmal habe es über die Türkei geklappt, meint Khattab. Aber nun sind auch die besten Routen zu gefährlich geworden. Letzte Woche wurden sieben Aktivisten der globalen Organisation Avaaz, die versucht hatten, Medikamente über den Libanon einzuschmuggeln, abgefangen. Gefunden wurden sie mit den Händen auf dem Rücken gefesselt und Schusswunden im Kopf.

Khattab will seinen Landsleuten helfen. Ärzte werden dringend gebraucht – und Menschen, die die Nachrichtenblockade durchbrechen. Er hat wenig Hoffnung, dass die internationale Gemeinschaft Assad stoppen will. „Es ist ein politisches Spiel“. Nach UN-Angaben wurden seit Beginn des Arabischen Frühlings mindestens 7500 Syrer vom Assad-Regime getötet. Russland und China lehnten im UN-Sicherheitsrat eine Resolution gegen die Gewalt Assads ab.

„Als wir begonnen haben, gegen die Regierung zu arbeiten, wussten wir, dass wir nie wieder nach Hause dürfen“, sagt Khattab über sich und seine Kollegen. Er meint, sein Name stehe auf einer Liste der syrischen Regierung.

„Zu Hause gab es immer diese Gehirnwäsche, dass fast alles, was du tust, eine Straftat ist. Wir haben immer mit leiser Stimme gesprochen. Aber wenn man den Mund nicht aufmacht, dann passiert eben nichts."

Rose-Anne Clermont, 1971 in New York geboren, ist Journalistin und Schriftstellerin und lebt in Berlin. Zuletzt erschien von ihr „Buschgirl. Wie ich unter die Deutschen geriet“ (C. Bertelsmann)

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