BÜRGERKRIEGSROMANE. L. Doctorows „Der Marsch“ : Entweder tot oder verwandelt

Andreas Schäfer

Pearl zum Beispiel, Tochter eines Farmers und einer Sklavin, 15 Jahre jung, aufgewachsen in Georgia. Plötzlich kommt der Bürgerkrieg über ihr Städtchen, in Gestalt der Armee, die sich wie eine Feuerwalze durchs Land frisst. Und ehe sie sich versieht, reißt jemand sie zu sich aufs Pferd und nimmt sie mit auf den monatelangen Marsch, in dessen wirbeligen Verlauf man entweder stirbt – oder ein anderer wird.

Pearl ist eine von einem guten Dutzend Figuren, die E. L. Doctorow, Autor von „Ragtime“ oder „Billy Bathgate“ und in der amerikanischen Gegenwartsliteratur traditionell für historische Themen zuständig, in seinem neuen, großartig gelungenen Roman „Der Marsch“ beschreibt. Das Buch spielt im Jahr 1865, als die Rebellen der Südstaaten kaum noch Chancen gegen die Armee der Union haben. „Wir sind ein riesiger Organismus, und das Hirn dieses Wesens ist General Sherman“, erklärt jemand Pearl. Die Hauptfigur des Romans ist also die Armee selbst, genauer, die Eigendynamik ihrer Bewegung, die Tod und Elend bringt und gleichzeitig Bedeutung stiftet, in dem sie „jedes Feld, jeden Sumpf, jeden Fluss ... in etwas verwandelte, dem moralisches Gewicht zukam“, sinniert der General.

Doctorow wählt hauptsächlich die kollektivierende Totale oder die Nahaufnahme, in der der Einzelne zur Wunde wird. Bei aller epischen Gefechts- und Operationsbeschreibung ufert er nie aus, so dass die vorwärtstreibende Spannung nie nachlässt. Virtuos lässt Doctorow aus diesem Strom einzelne Köpfe auftauchen, die prustend in die nächste Szene verwickelt werden, um dann für 50 Seiten wieder unterzutauchen.Andreas Schäfer

Haus der Kulturen der Welt, Mo 15.10., 20 Uhr, 5 €

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