Kultur : Bürgerliches Dauerspiel

Sebastian Nübling exorziert an der Berliner Schaubühne Ibsens „Gespenster“

Christine Wahl

Das muss sie sein, die wahre, die zweckfreie Liebe: In der intimsten Szene des Abends fingert Frau Alving akribisch eingespeichelte Mehlklumpen aus der weit geöffneten Mundhöhle ihres erwachsenen Sohnes heraus. Minutenlang. Der wackere Junge hustet, spuckt und sabbert die Backgrundlage zusätzlich so lange aus sämtlichen Poren, bis er seine Mutter dekorativ eingestaubt und -geschleimt hat.

Dieser finale Mehlexzess, der am Schauspieler Bruno Cathomas eine bedrohliche Augenrötung zeitigt, ist die Krankheit zum Tode: Der junge Mann leidet an einer irreversiblen Gehirnerweichung, die er angeblich seinem syphilitischen Vater verdankt. Denn „die Sünden der Väter werden heimgesucht an den Kindern“, weiß ein frommer Doktor in Henrik Ibsens Drama „Gespenster“ zu diagnostizieren. Freudianisch gesprochen: Das gestern mühselig Verdrängte meldet sich heute als schlecht maskiertes Krankheitssymptom zurück. Und Frau Alving, die Ewiggestrige im hellblauen Abendkleid, hat nicht wenig verdrängt und vertuscht. Zum Beispiel die Tatsache, dass ihr allerorten als wohltätiger Saubermann gefeierter Gatte in Wahrheit ein arbeitsscheuer Womanizer war, der das Dienstmädchen schwängerte. Und dass sie selbst für diese schlechte Wahl eine – wiewohl schwer nachvollziehbare – Neigung zum Pastor Manders niederkämpfen musste, weil der sich leider schon damals als nichtsnutziger Ehemoralapostel aufspielte.

Wir befinden uns kurz vorm zehnten Todestag des Kammerherrn Alving: Ein aus dessen (finanziellen) Hinterlassenschaften gespeistes Kinderheim soll eingeweiht werden. Und weil sich die kleinen Schmuddelecken der bürgerlichen Existenz bekanntlich besonders gern in solchen moralgetränkten Zusammenhängen offenbaren, brennt die karitative Einrichtung prompt ab, und Frau Alving beschließt, nun endlich alles Vertuschte auf den schicken Verhandlungstisch zu knallen, den die Bühnen- und Kostümbildnerin Muriel Gerstner für Sebastian Nüblings Ibsen-Inszenierung gebaut hat.

Das zeitgeistig runde Konferenzmöbel auf violettem Teppichboden lässt dafür reichlich Raum. Man kann sich lustig unter ihm verstecken, weiträumig auf ihm tanzen, es mit wiedergekäuten Salatblättern bespucken oder fatalistisch aufgestützt dem Wetterbericht lauschen, welcher aus einem Lautsprecher wiederholt Sonnenarmut prophezeit. Nur wozu?

Tatsächlich ist es Nübling, der mit seiner Basler Inszenierung „Dido und Aeneas“ gerade zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde, mit klugen Strichen und Akzentuierungen gelungen, das Drama zu aktualisieren. Weil Syphilis und Paralyse, wilde Ehen und gefallene Frauen – im 19. Jahrhundert ein explosives Skandalgemisch – heute selbst den hartgesottensten Moralisten nicht mehr ernstlich hinter dem Ofen hervorlocken dürften, hat er den bigotten Überbau komplett eliminiert und durch die individuelle Verlogenheit im Dienste des Ökonomischen ersetzt.

Manders wird nicht mehr als Pastor geführt, sondern wirkt in Robert Beyers Darstellung mit Anzug und Aktenkoffer eher wie die Karikatur eines zynischen Familienanwalts: Recht und Moral sind eine Frage der BGB-Exegese. Damit wäre das Stück zwar für die Gegenwart gerettet: Hier ist Nübling genauer als Hausherr Thomas Ostermeier, der sich in seiner Inszenierung der „Katze auf dem heißen Blechdach“ mit einem homophoben Vater-Sohn-Dialog redlich an verstaubten Gestrigkeiten abarbeitet. Doch stellt sich die Frage nach dem Sinn dieser Ibsen-Rettung. Des altbackenen Überbaus entkleidet, stehen plötzlich lauter gute Bekannte auf der Bühne, die man hier schon gestern und vorgestern ohne stechenden Abschiedsschmerz hinterlassen hat. Was von diesen „Gespenstern“ bleibt, ist bürgerliches Leiden auf hohem Niveau, wie es bereits eine gewisse Frau Gabler oder Frau Nora mitsamt ihren amerikanischen Spätverwandten Big Daddy und Co. an der Schaubühne vorexerziert haben.

Lügen, Sinnverlust, ökonomischer Vorteilswille und schwere Symbolik allüberall. Osvalds vertuschte und unverhofft aus dem Prekariat aufgestiegene Halbschwester Regine, die eine postfeministische Versorgungsehe der romantischen Liebesheirat allemal vorzöge, bekommt hier eine ganze Schar minderjähriger, stummer Schwestern. Und diese Wiedergängerinnen ergreifen nachher von den leeren Konferenzstühlen Besitz . . .

Bei Nübling liegen die „Gespenster“ schon von Anfang an gut durchschaubar auf dem Verhandlungstisch, was der Spannung des zweistündigen Abends nicht gerade zuträglich ist. Es ist bisweilen unterhaltsam und manchmal auch erhellend anzusehen, wenn Bibiana Beglau sich als überdurchschnittlich jung besetzte Upper-Class-Witwe mit gediegenen Ausbrüchen unter der aristokratischen Kontrollmaske in die inzestuöse Liebe zu ihrem monströsen Kind verbeißt und wie Edward mit den Scherenhänden mit den Morphiumspritzen zur aktiven Sterbehilfe hantiert. Oder wenn Bruno Cathomas als barfüßig-kindische Aussteiger-Karikatur Champagner in ein Blasinstrument gießt und sich Lea Draegers Regine am Finger im Mund ihres betont schlitzohrigen Stiefvaters (Jörg Hartmann) durch den Konferenzraum schleifen lässt. Nur wirklich zwingend ist es nicht.

Wieder vom 23. bis 25. Februar.

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