Kultur : Bürgersinn hält Wasser fern

Deutscher Stifterpreis 2003 in Berlin verliehen

Michael Zajonz

Schon im Titel fast eine Beschwörung: „Vom Steuerstaat zum Stifterengagement“ lautete das Generalthema, unter dem sich über 1000 Teilnehmer zur 59. Jahrestagung des Bundesverbands Deutscher Stiftungen (BVDS) in Berlin zusammenfanden. Drei Tage lang debattierte man über klamme öffentliche Kassen, den aktuellen Boom gemeinnützigen Bürgerengagements – die Zahl der Stiftungen in Deutschland hat sich im vergangenen Jahrzehnt nahezu verdoppelt –, vor allem jedoch über die noch unvollendete Reform des Stiftungsrechts.

Doch alles, was derzeit nur entfernt nach staatlichen Mindereinnahmen aussieht, stößt auf die entschiedene Ablehnung des Finanzministers. Gleichwohl sind es nicht nur fiskalische Hürden, die den Siegeszug der Stiftungen im vergangenen Jahr gebremst haben. Man laboriert an einem Vermittlungsproblem: Das finanzielle wie ideelle Engagement der Gemeinnützigen in Kultur, Umweltschutz, Sport oder sozialen Projekten wird in der Öffentlichkeit zu selten wahrgenommen.

Mit der gestern in der Komischen Oper festlich begangenen Verleihung des Deutschen Stifterpreises 2003 an die Bürgerstiftung Dresden könnte dies zumindest im Osten Deutschlands anders werden. „Einen Festtag der Stiftungsidee“ nannte der brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck in seiner Laudatio diese Entscheidung des BVDS. Die Preisträger stehen stellvertretend für gleich drei symbolische Bereiche: für den noch neuen Typus der Bürgerstiftung, die erst langsam wachsende Stiftungskultur in den neuen Ländern sowie den wiedererwachten Bürgersinn der Dresdner. Dieser bewährt sich bekanntlich nicht nur beim Wiederaufbau der Frauenkirche, sondern hat auch das Elbhochwasser im vergangenen Sommer bravourös gemeistert.

Die Aktivisten der 1999 gegründeten Bürgerstiftung sammelten unter dem Motto „Hilferuf aus Dresden“ weit über eine Million Euro an privaten Spenden, organisierten unbürokratisch Notunterkünfte und hielten das bundesweite Interesse auch nach Monaten wach. Die viel beschworene Bürgergesellschaft – hier wird sie aufs Schönste anschaulich. „Die Erfahrung, die eigene Umgebung gestalten und verändern zu können, setzt ungeahnte Kräfte frei“, resümierte Vorstandsmitglied Winfried Ripp.

Die solchermaßen auch in toto geehrten Bürger- und Sammelstiftungen finden seit einigen Jahren besonderes politisches Interesse. Es war erklärtes Ziel von Rot/Grün, den „dritten Sektor“ – wie eine engagierte bürgerliche Öffentlichkeit in sprödem Soziologendeutsch gern genannt wird – zu neuem Leben zu erwecken. Bürgerstiftungen sammeln Geld, um lokale Projekte zu fördern oder sogar zu initiieren. Doch die staatlichen Pflichtaufgaben Bildung und Kultur, mahnte der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Klaus-Dieter Lehmann in seiner Festrede, ließen sich auf dem Stiftungswege freilich nicht entsorgen: „Dass überhaupt politisch so argumentiert werden kann, liegt am vergleichsweise geringen Interesse an beiden Themen.“ Wahr gesprochen, wie das Publikum gerade bewiesen hatte: Inmitten festlicher Reden blieb kein Raum für den Protest, den Weißensees Kunststudenten gegen geplante Einsparungen loswerden wollten.

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