Kultur : Büro Berlin

Eine Diskussion über alternative Kunststrategien

Thomas Wulffen

Der Ort ist passend, temporär und dennoch in der Mitte der Stadt, perfekt für eine Diskussion über die Kunstlandschaft Berlin. Unter dem Titel „Präsentation und Vermittlung“ fanden sich im Café der Temporären Kunsthalle der Sammler Axel Haubrok, Galerist Claes Nordenhake und die Kunstkritiker Gerrit Gohlke und Jörg Heiser (Frieze) sowie die Kritikerin Catrin Lorch unter der Moderation von Thomas Eller zusammen.

Dass eine derartige Diskussion erst jetzt stattfand, weist allerdings schon auf ein wesentliches Defizit hin. Offensichtlich ist die Stadt sich ihrer Situation als neue Kunstmetropole so sicher, dass sie weder die konkrete Bedeutung dieser Zuschreibung infrage stellt, noch an eine mögliche Alternative denken kann. Wer schon länger in dieser Metropole lebt, der fühlt sich unmittelbar erinnert an die frühen achtziger Jahre. Damals erlangte die Kunstmetropole Berlin mit der wilden Malerei von Fetting, Salomé und Konsorten einen Ruf, der über die realen Mauern hinaus bis nach Westdeutschland zu vernehmen war: die Kunst zum Zeitgeist. So nannte sich dann auch passenderweise die Ausstellung zur Wiederkehr Berlins auf die Bühne der nationalen und internationalen Kunstszene. Gleichzeitig aber konnte der Kunstfreund ein ganz anderes Phänomen entdecken: Da ließ sich in Hinterhöfen, Abbruchquartieren und leer stehenden Fabrikhallen eine Kunst ganz anderen Zuschnitts erleben. Statt einem Abbild in Form eines Gemäldes stand der Betrachter einer inszenierten Realität als Kunst gegenüber.

Jörg Heiser wies während der Diskussion besonders auf den aktuellen Mangel an neuen kuratorische Ideen hin, die weder von Institutionen noch von Ausstellungsmachern forciert werden. Büro Berlin – ein Projekt für Interventionen im öffentlichen Raum, das von den Künstlern Raimund Kummer, Hermann Pitz und Fritz Rahmann initiiert wurde – stand damals für derartige Konzepte, und selbst die Galerie am Moritzplatz war zu Anfang ebenfalls dem Experimentellen zugeneigt, bis sie dann vom Zeitgeist annektiert wurde. Etwas Ähnliches ließe sich für die Gegenwart behaupten. Im heutigen Kunstbetrieb ist wenig Platz für Alternativen, obwohl es in etlichen Ateliers an der Peripherie Berlins beides zu entdecken gibt: alternative Projekte ebenso wie andere kuratorische Konzepte und die sie tragenden Personen. Ohne die notwendige Hinwendung aber bleibt all dies außerhalb der Wahrnehmung für ein größeres Publikum.

Die Rezession bietet die Chance, sich vom reinen Marktgeschehen abzuwenden und erneut der Kunst mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Gefordert ist eine Kritik, die über den Tellerrand schaut und auch das Eckige und Kantige einer Kunststadt entdeckt. Für dieses Sperrige hatte sich seinerzeit das Büro Berlin situiert. Letztlich aber müssen auch die Institutionen mitziehen. Wenn sich daran ein Wettbewerb entzünden würde, bräuchte man sich um die Zukunft der Kunstmetropole keine Sorgen machen. Es steht allerdings zu befürchten, dass das erste Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts nicht an die Aufbruchsstimmung der achtziger Jahre anknüpfen kann.

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