Büro-Design : Nur nach Hause geh’ n wir nicht

Tischkicker und „Break-out-Area“: Das Büro der Zukunft wird immer weniger nach Arbeit aussehen. Wie Designer den Arbeitsplatz der Zukunft gestalten.

Daniela Pogade

Der Hang, den eigenen Arbeitsplatz individuell auszuschmücken, scheint dem Menschen innezuwohnen. Ob er über seinen Schreibtisch in der Meldestelle ein Katzenposter hängt oder als Chef einer Werbeagentur einen Miniatur-Golfübungsplatz auf dem Flur einrichtet: Individualität ist gefragt. Dies gilt auch und gerade beim Entwerfen von Unternehmensbüros. Der Unterscheidungswille gehört zum Selbstverständnis moderner Unternehmen. Denn nicht nur ein zu vermarktendes Produkt ist auf das charakteristische Alleinstellungsmerkmal, die unique selling proposition, angewiesen. Auch eine Firma, ob sie nun Heizungsrohre produziert oder PR-Konzepte, muss sich als einzigartig darstellen und identifizierbar sein. Architekten und Interior-Designer müssen derzeit also sehr einfallsreich sein.

Das Büro der Zukunft wird immer weniger nach Arbeit aussehen. Die Geräte, die einen Raum auf den ersten Blick als Arbeitsraum ausweisen, schwinden. Nicht nur, dass Arbeitsmittel wie Computer und Kopierer immer weniger Platz einnehmen, im Zeitalter der drahtlosen Netzwerke wird man künftig auch nicht mehr über Kabelstränge stolpern.

Schon gibt es Bürointerieurs, die den vertrackten Hirnwindungen eines Mad Scientist entsprungen sein könnten. Prunkstück der Hamburger Multimedia-Agentur Fluxx.com der Architekten König + Vearncombe ist ein sogenannter Konferenzkokon, der die Form eines Raumschiffs hat. Eine hydraulische Luke bildet den Eingang in das ellipsenförmige Raum-im-Raum-Objekt. Ist die Luke geschlossen, ist der Blick nach draußen nur durch schmale Fensterbänder in der Stahlwand möglich. Günstigenfalls ein Umfeld, das die Konzentration erhöht.

In einer Zeit, in der sich jede Kaffeerösterei und jeder Handyladen um „Lifestyle“ bemüht, müssen auch Planer von Bürointerieurs einen gehobenen Lebensraum inszenieren. Es gilt, Räume zu gestalten, die mit dem eigentlichen Arbeitsprozess auf den ersten Blick nichts zu tun haben: Jene Art von kühlen Lounges also, die einzig dem gehobenen Müßiggang oder der reinen Repräsentation zu dienen scheinen. Sitzt jedoch ein Werbetexter in der „Lounge“ oder der „recreation area“ seiner Büroetage und sinniert über einem Latte macchiato, so wird man ihm dies problemlos als schöpferische Arbeitsphase zugestehen. Die Lounge ist das passende Accessoire zur immateriellen Produktionsweise des IT-Zeitalters. Traditionellere Unternehmen haben sich die Designlösungen der Technologiepioniere längst angeeignet: Die neue Bochumer Unternehmenszentrale des Energiekonzerns BP ist ein Designertraum in subtil inszenierten Corporate-Identity-Farben. In der sogenannten „Break-Out- Area“, einem Treffpunkt für kurze Besprechungen, sitzt man auf erlesenen Sofas oder Stühlen wie dem modernen Klassiker „Schwan“ von Arne Jacobson.

Bei aller kühlen Ästhetik sollen moderne Bürowelten den Angestellten gleichwohl ein Gefühl des Beheimatetseins vermitteln. Da die Menschen heute einen großen Teil ihres Selbstwertgefühls aus ihrer Berufstätigkeit beziehen, stehen sich Arbeit und Freizeit immer weniger feindlich gegenüber. In einer urbanen Gesellschaft, in der die Zahl der Singles steigt und ein erheblicher Teil dieser Singles Doppelschichten im Büro leistet, wird der Arbeitsplatz zum schützenden Lebensraum. Das Büro ist der Ort, an dem der Mensch den Großteil seiner Lebenszeit verbringt, an dem er soziale Kontakte pflegt und zum Teil sogar aktive Entspannung sucht – wobei es für das Unternehmen natürlich der Raum bleibt, in dem Geld verdient wird.

Da es dem Angestellten eines großstädtischen Unternehmens in der Regel unmöglich sein wird, in einer Arbeitspause einen Waldspaziergang zu unternehmen, wird nun die Natur in die Büros geholt. Schon gibt es Büros, die für Bambuswäldchen, exotische Stauden oder Blumenrabatten prominente Plätze einräumen. Der Pharmakonzern Novartis hat in der „Lounge“ seiner Wiener Zentrale nicht nur mannshohe Pflanzungen angesiedelt, sondern das lebendige Grün auch von Glaskästen umgeben. Man wollte keine konventionellen Büro-Staubfänger etablieren, aber dennoch eine Erholungszone mit dezenter Frische schaffen.

Im Bürogebäude der am Elbufer gelegenen Hamburger Werbeagentur Bothe Richter Teherani suggerieren hohe grüne Stauden Naturnähe, hier wurde sogar Sand aufgeschüttet, um maritime Atmosphäre zu erzeugen. In eigens aufgestellten Strandkörben, die zur breiten Fensterfront ausgerichtet wurden, lassen sich Gespräche führen, die das Prädikat „informell“ wirklich verdient haben.

Der Tischkicker in der Recreation Area (vulgo: Pausenraum) mag ein Beleg für die immerwährende Jugendlichkeit bestimmter Branchenangehöriger sein, er signalisiert jedoch auch eine neue Form der Rationalisierung: Die Freizeit wird in den Beruf integriert, was dem Überstunden leistenden Arbeitnehmer den Alltag erleichtert, während der Arbeitgeber das Gefühl bekommt, tolerant zu sein. Nicht nur in Werbeagenturen und Multimediafirmen finden sich Tischkicker, auch in der Berliner Redaktion des „Spiegel“ hat man einen prominent platziert.

Unternehmer, so scheint es angesichts der modernen Planungen für die Arbeitswelt, wollen nicht nur Profit maximieren, sie wollen auch geschätzt werden. Anders als vor hundert Jahren sollen die Angestellten über den Rand ihres Schreibtisches hinausblicken dürfen, ja, sie sollen, wenn sie schon an den übergeordneten Entscheidungsprozessen nicht teilhaben, das große Ganze überblicken dürfen und sich inmitten eines demokratisch organisierten Apparates wähnen. „Transparenz“ ist daher, was Bauherren stets von ihren Planern fordern, wenn es um die Gestaltung von Verwaltungszentralen geht. Wo es überhaupt noch abgetrennte Arbeits- oder Konferenzräume gibt, werden die Zwischenwände buchstäblich transparent: Glas dominiert in vielen Büroetagen. Die Blickbeziehungen sollen ganze Geschosse umspannen.

Realisiert wurde dies etwa im neuen Vertriebszentrum der Maschinenfirma Trumpf, in dem die Berliner Architekten Barkow Leibinger eine offene Bürowelt inszeniert haben, in der Türen und Trennwände auf ein Mindestmaß beschränkt wurden. Von außen ähnelt der gläsernde Gebäuderiegel einem Terrarium. Die Abteilungsleiter sitzen hier ohne Einzelbüros zwischen ihren Mitarbeitern, nur die Bereichsleiter genießen größere Privatheit: Ihnen stehen abgetrennte Zimmer zur Verfügung, deren Wände selbstverständlich aus Glas sind.

Das angestrebte offene Image kann natürlich jederzeit mit den Wünschen der Arbeitnehmer kollidieren. Deren Bedürfnis nach Rückzugsmöglichkeiten lässt sich schwer leugnen, niemand sitzt gerne von früh bis spät in einem Glaskasten. So stehen die Planer vor der Herausforderung, zwischen dem gewünschten „Image“ des Bauherren und den Anforderungen der Nutzer zu vermitteln. Die Jalousie ist in der Regel das letzte Mittel, um Abgeschiedenheit herzustellen. Sie fehlt denn auch in keinem gläsernen Büro als ergänzende Option, sie ist ein verschämtes Angebot zur Kapitulation: Sollte irgendjemandem das Büro der Zukunft unwirtlich erscheinen, kann er jederzeit die Läden schließen.

Daniela Pogade: Inspiration office. How to design workspaces. DOM publishers Berlin 2008, 272 S., 58 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben