Kultur : Büro-Spion

Billy Rays kühler Agententhriller „Enttarnt“

Martin Schwickert

Dass Spionage Abenteuer ist, gehört zu den Mythen, die Literatur und Kino immer wieder reproduzieren. Aber die wenigsten Agenten führen das aufregende Leben eines James Bond, sondern üben ihr landesverräterisches Handwerk am Schreibtisch aus. In „Enttarnt“ zeichnet Regisseur Billy Ray ein gezielt unglamouröses Porträt von Robert Hanssen, der über zwei Jahrzehnte die Sowjetunion mit Informationen aus der FBI-Zentrale belieferte und als einer der verheerendsten Spionagefälle der US-Geschichte gilt.

Hanssen (Chris Cooper) hat sich in der Bürohierarchie weit nach oben gearbeitet und ist einer der Hauptverantwortlichen im Bereich der Spionageabwehr. Als der ehrgeizige Nachwuchsagent Eric O’Neill (Ryan Phillippe) als Sekretär in Hanssens Büro eingeschleust wird, soll er dessen Leben auf vermeintliche sexuelle „Abweichungen“ hin untersuchen. Aber das Bild, das Eric von dem misstrauischen Chef bekommt, entspricht nicht dem Eindruck eines Perverslings. Hanssen ist ein fürsorglicher Familienvater, Kirchgänger und mit der erzkatholischen Logenorganisation „Opus Dei“ eng verbunden. Erst nach wochenlanger Recherche eröffnet die Auftraggeberin (Laura Linney), dass die Zielperson verdächtigt wird, für den KGB zu arbeiten.

Ähnlich wie Robert De Niros „Der gute Hirte“ lenkt auch „Enttarnt“ den Blick auf die charakterlichen Verwüstungen, die der Beruf des Geheimagenten mit sich bringt. Aber anders als De Niro setzt Ray sein Geheimdienst-Porträt als dichtes Kammerspiel in Szene. Ohne simplifizierende Motivforschung zu betreiben, wird Hanssen als Produkt seiner beruflichen Verhältnisse gezeichnet. Die FBI-Zentrale erscheint mit ihren langen Fluren, fensterlosen Büros und versteckten Hinterzimmern als kafkaeske Festung. In dem hierarchisch strukturierten Großbetrieb erlangt Hanssen nie die Anerkennung, die er für seine Dienste erwartete. Die Wandlung vom Patrioten zum Landesverräter ist auch ein Kampf gegen die eigene Bedeutungslosigkeit.

Chris Cooper spielt diese tragische Agentenfigur, in deren Seele Narzissmus und Loyalität streiten, mit großer Präzision und Strenge. Allzu diszipliniert hingegen wirkt Rays Regiekonzept, das sich zu sehr den Fakten des Falles und einer entschlackten Ästhetik verpflichtet fühlt und dabei den Spannungsbogen aus den Augen verliert. Martin Schwickert

In elf Berliner Kinos

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