Kultur : Bullauge um Bullauge

Großes Fernweh: Beim Stückemarkt des Theatertreffens gewinnt das Kauderwelsch der Seefahrer

Jan Oberländer

Es ist Freitagnacht, Scheinwerfer beleuchten die „Argo“. Das kleine Schiff mit dem großen Namen liegt in der Spree, am Kai des Freiluftclubs Kiki Blofeld nahe der Jannowitzbrücke. Der Blick übers Wasser ist weit.

Sechs friesenbenerzte Schauspieler treten aufs Deck. Die szenische Lesung von Oliver Schmaerings „Seefahrerstück“ beginnt. Es erzählt quer durch Raum und Zeit und in zahllosen Stimmen von der Liebe zum Hafenmädchen Juliette und vom Tod in der Seeschlacht vor Kuba, von der Versenkung der Kursk und Odysseus’ Reise, von Kolumbus und Cape Canaveral. „Wir waren Philippinos an Deck und Malayen waren Russen in der Maschine und Polen auf der Brücke Schweden Schotten Deutsche“. Das globalisierte Kauderwelsch, in dem die Seeleute – und die Sehleute: Theiresias und Nostradamus reden auch mit – aller Epochen über Leben und Heimat sprechen, findet in der stürmisch geschnittenen Bilderflut Schmaerings eine gelungene und aktuelle Form.

Am selben Abend erhält das Stück den Förderpreis für Neue Dramatik. Der mit 5000 Euro dotierte Preis wurde zum zweiten Mal im Rahmen des Stückemarkts des Theatertreffens vergeben. Für den Stückemarkt wählte eine Jury aus 551 Einsendungen aus 33 Ländern sieben Theatertexte aus, vier aus Deutschland, einen aus Österreich und zwei aus Kroatien. Von der Jury lobend erwähnt wurde „Blutiges Heimat“ von Juliane Kann, die an der Berliner Universität der Künste szenisches Schreiben studiert. Kann entwirft die klaustrophobische Szenerie einer hierarchischen, hermetischen Dorfgemeinschaft, in der Brutalität und sexuelle Gewalt jede menschliche Verständigung unmöglich machen. Das Herausschneiden einer Zunge ist die Verbildlichung der entstellten, verstümmelten Kunstsprache („Fass an dein eigen Nas!“), die die Autorin ihren ebenso verstümmelten Figuren aufzwingt.

Auch in Nicolai Borgers „Plastik“ wird einer Figur die Zunge abgeschnitten. In dem Stück transportieren Liebesschwüre keine Gefühle, sondern sind Teil eines hedonistischen Macht- und Verführungsspiels: „Gefährliche Liebschaften“ im Popmusik- und Kriminellenmilieu. Der Wechsel zwischen den Sprachebenen eines urbanen, coolen Szene-Slang und von Choderlos de Laclos inspiriertem Wohlklang macht das Stück kurzweilig, wenn es auch meist an der Oberfläche bleibt und sich schließlich in der Schlussmoral ertränkt.

Nonchalanter ist die Kroatin Nina Mitrovic, deren „Das Bett ist zu kurz oder nur Fragmente“ von Markus Heinzelmann preiswürdig eingerichtet wurde. Das Stück erzählt von Irene, die durch die Freundschaft zu dem viel älteren todkranken Tom zu sich selbst findet. In temporeichen, pointierten Dialogen spricht Mitrovic große Themen wie Schmerz und Liebe an, ist dabei immer witzig, aber nie trivial. Ihre Figuren spielen in mehreren Szenen zugleich, als Scharnier genügt eine Assoziation. So sitzt Irene an Toms Krankenbett und hält seine Hand, die andere berührt ihren Freund Pete im gemeinsamen Wohnzimmer – am Ende muss sie beide loslassen, damit „alles gut wird“.

Das politische Zukunftsstück „Der Eisgeneral“ der Kroatin Sibila Petlevski konnte beim Stückemarkt leider nicht gelesen werden. Stefan Finkes Provinzstück „Landmetzgerei Hümmel“ amüsierte Publikum und Schauspieler gleichermaßen – allerdings bisweilen unfreiwillig. Der Österreicher Johannes Schrettle blickt mit „Dein Projekt liebt dich“ in pollescheskem Sprachfluss auf die Orientierungslosigkeit im Möglichkeitsdickicht der Lebenskonzepte.

Wichtiges Kriterium für die Preiswürdigkeit war die Herausforderung, die ein Text an die Inszenierbarkeit stellt. Mit ihrer Einrichtung des „Seefahrerstücks“ hat Anja Gronau diese Herausforderung gemeistert. Die szenische Lesung versprach, nicht zuletzt durch die entrückte Atmosphäre der Spielstätte auf der Spree, eine bemerkenswerte Aufführung. In den Bullaugen der kleinen „Argo“ lag ein großes Fernweh.

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