Kultur : Bullen over Broadway

Turban bleibt Turban: Spike Lees raffinierte Bankräuber-Farce „Inside Man“

Christiane Peitz

Zugegeben, „Inside Man“ ist Spike Lees mainstreamigster Film. Reines Genrekino mit Lees Lieblingsschauspieler Denzel Washington. Banküberfall, Action in New York mit allem, was dazugehört: ein Gangster (Clive Owen) samt Komplizen mit dem perfekten Plan, abgebrühte Cops (Einsatzleiter: Willem Dafoe), lichtorgelnde NYPD-Autos, Scharfschützen auf den Dächern, panisch wimmernde Geiseln – und ein paar ziemlich wilde Volten im Plot. So viel sei verraten: Bei diesem Bruch sind zwar Millionen im Tresor, aber kein Cent wird geklaut.

Zugegeben, es gibt ein paar Ungereimtheiten. Wieso lagert der Bankboss (Christopher Plummer) etwas im Safe, statt es zu vernichten, wenn er will, dass keine Menschenseele je von seinem Nazi-Geheimnis erfährt? Wieso verlässt sich Detective Frazier, eben Denzel Washington, nicht auf seine Ohren, als er später herauszufinden versucht, wer Gangster ist und wer Geisel – schließlich hat er oft genug mit dem Obergangster telefoniert?

Egal, der Rest wiegt es auf. Spike Lee ist nämlich in Hochform. Montiert den Bruch samt Polizeibelagerung und die späteren Verhöre in einer eleganten Parallelmontage. Und inszeniert mit leichter Hand Multikulti-New York ein paar Jahre nach 9/11, eine Stadt, die die Angst trotzig in ihren Alltag integriert hat. Fast schon altersweise, aber ebenso illusionslos wie in Lees Black-Cinema-Klassikern.

Immer noch gibt es korrupte, rassistische Polizisten und drangsalierte Underdogs, unterschwellige Gewalt und offene Aggression. Aber man arrangiert sich in dieser Stadt und trägt den Clash der Kulturen mit bissig-witzigen Sprüchen aus. Prozess der Zivilisation: Das ist besser, als sich an den Kragen zu gehen. Außerdem erlaubt Spike Lee sich den Spaß, Jodie Foster, sonst Typ Überlebenskämpferin, als smarte Glamour-Lady in superspitzen High Heels auftreten zu lassen. „You can kiss my black ass“, sagt Denzel Washington, als er mit ihr aneinander gerät.

Schauplatz Manhattan Trust Bank. In der Schlange vor den Schaltern stehen Araber und ein Rabbi, Italoamerikaner, Hispanics, Asiaten, Schwarze, Weiße. Der Security-Typ bittet eine Kundin, doch etwas leiser per Mobiltelefon zu tratschen – wie gesagt: Prozess der Zivilisation. Und die Bankräuber spazieren ganz friedlich als Anstreicher-Truppe getarnt in das altehrwürdige Geldinstitut. Offene Gesellschaft hinter verschlossenen Türen: Bald sehen alle, Geiseln wie Geiselnehmer, in schwarzen Overalls und mit weißem Gesichtsschutz, einander zum Verwechseln ähnlich, auch als sie schließlich gemeinsam das Gebäude verlassen. Kein Zufall, dass Spike Lee auf das Outfit der Guantanamo-Häftlinge anspielt. Wer ist gut, wer ist böse? Woran erkennt man Täter, woran Opfer? Vor den Ordnungshütern sind alle gleich.

Und bald auch wieder nicht. Der herzkranke Alte, den die Gangster vorzeitig freilassen, wird von den Cops pfleglich behandelt. Nicht so der ebenfalls vorzeitig entlassene Bankangestellte, ein Sikh. „Mist, ein Araber“, schimpfen die Uniformierten, und kennen den Unterschied nicht. Turban bleibt Turban, der Sikh beklagt sich bitterlich. Bei der Szene, erzählt Lee im „Zeit“-Interview, habe der Schauspieler improvisiert und seine Alltagserfahrungen zum Besten gegeben. Ständig wird ihm misstraut,wird er kontrolliert. Nun ja, kontert Detective Frazier in Anspielung auf die Sikh-Taxifahrer in Manhattan, wenigstens bekomme er immer ein Taxi.

Oder die verwanzten Pizzas für die Geiseln. Als die Abhörexperten auf diese Weise die Gangster belauschen, dringt eine fremde Sprache an ihre Ohren. Frazier weiß: Wir sind in New York, in der schaulustigen Menge steht garantiert einer, der die Sprache kennt. Stimmt, nur dass der Bauarbeiter mit dem Idiom seiner albanischen Ex-Frau zwar vertraut ist, es aber mitnichten versteht. Die wiederum lacht sich schief: Die Pizza-Wanzen übertragen eine Rede von Diktator Enver Hoxha. Der Detective staunt; er weiß nicht mal, dass Hoxha seit 20 Jahren tot ist. Was wir nicht kennen, fürchten wir nicht. So viel zum Thema Verständnis und Missverständnis. Vielleicht setzt Toleranz ja immer eine Portion Ignoranz voraus.

Schließlich ist da Jodie Foster als mysteriöse Krisenmanagerin mit besten Kontakten zum Bürgermeister. Der Bankboss heuert sie an, wegen seines Geheimnisses im Safe. Beinahe gelingt es ihr sogar, den trickreichen Gangsterboss auszutricksen. Aber nur beinahe, da bleibt Spike Lee stur. Die Wahrheit ist unverkäuflich – und die schlimmsten Verbrecher finden sich immer noch in den besseren Kreisen.

Eine der Geiseln ist übrigens ein Kind, ein schwarzer Junge mit Gameboy. Er lenkt sich ab von der Angst, mit einem brutalen Gangsta-Killer-Spiel. Wenn du tötest, kriegst du Punkte, wenn du getötet wirst, verlierst du. Spike Lee spielt längst nach raffinierteren Regeln.

In 14 Berliner Kinos, OV im Cinestar Sony-Center

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