Kultur : Bum, bum, tschak

„We will rock You“: Ein Queen-Musical sucht in Köln nach verlorenen Riffs

Kai Müller

Es gibt Songs, die kann man guten Gewissens nicht mehr anhören. Man hört sie auch gar nicht, falls sie dann doch von irgendwoher ins Ohr gespült werden. Man steht nur einfach wie benommen vor den Trümmern einer Erinnerung, die einem peinlich ist, so beschämend, dass selbst die Unschuld eines jugendlichen Fehltritts nichts daran ändern kann. „We will rock You“ ist so ein Song. Vor dem geistigen Auge erscheinen entzückte Teenagerleiber, die sich auf den salzstangenverklebten PVC-Belag eines Hobbykellers werfen und abwechselnd in ihre Hände und auf den Fußboden klatschen. Bum, bum, tschak. Bum, bum, tschak. Dazu die atemlose Stimme Freddie Mercurys, der von einem Jungen mit Schlamm im Gesicht berichtet und davon, wie dieser eine Dose durch die Gegend tritt. Und alle: „We will we will rock you!“

Das war eine einfache Botschaft – wenn auch niemand wusste, was sie eigentlich bedeutete. Nun kann man die alte Queen- Hymne wieder hören: Im Kölner Musical-Dome wird ab heute das Queen-Spektakel „We will rock you“ aufgeführt, ein sentimentaler Streifzug durch die Ära des theatralischen Groß-Rock’n’Roll. Aber das ist nicht der einzige Grund: Fangen wir vorne an, in einer Zeit, in der es so etwas wie echte, handgemachte Musik gar nicht mehr gibt, in einer Ära des Fortschritts also, die Queen selbst wahlweise als Ga-Ga- oder Goo-Goo-Welt titulierten und als Bastard des digitalen Zeitalters heraufdämmern sahen.

Es orwellt heftig in dieser neonbunten Modehölle, in die Autor Ben Elton eine abstruse Parzival-Geschichte verlegt. Die vom Hit „Radio Ga Ga“ inspirierte Gleichschaltungszukunft durchstreift ein junger Mann, der auf der Suche nach der heiligen Gitarre ist. In seinem Kopf spuken ständig Songtitel und -zeilen herum, die der arme Bursche nicht entschlüsseln kann („Alice? Alice, who the fuck is alice?“). Denn sie speisen sich aus einem verbotenen Wortschatz. Umso mehr machen sie etwas mit ihm, sie rocken ihn. Als er im Untergrund auf eine Gruppe verwahrloster Desperados stößt, denen es genau so geht und die das Erbe vergessener Popstars pflegen, wird sein Wahn zur Mission.

Das Musical ist erzählerisch oft ein ziemlich hüftsteifes Medium. Selten kann es die Kluft überbrücken, die sich zwischen der Drei-Minuten-Emphase eines Popsongs und einer abendfüllenden Handlung auftut. Auch „We will rock you“ ächzt zunächst unter dem Bemühen, die Odyssee des Galileo Figaro anzuschieben und die Figuren einzuführen. Ben Elton hat seine Story gleich aus einem Dutzend populärer Mythen zusammengebaut – von Matrix über die Artus– Sage bis zu Cabaret und Easy Rider. Das kann zwar nicht verhehlen, wie wenig das Ganze mit Queen zu tun hat. Aber darum geht es dem in England gefeierten Comedy-Schreiber auch gar nicht. Vielmehr hat er eine witzige Popsatire über die Sehnsucht nach den „verlorenen Riffs“ geschrieben, bei der die 21 Queen- Nummern wie emotionale Anker wirken.

Am Ende ist das Imperium geschlagen, die Gitarre gefunden, nur wie man Musik macht, das weiß keiner. Da wird aus der Not eine Tugend: Bum, bum, tschak ... einfacher geht es eben nicht.

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