Bundesarchiv : Aktenschrank der Republik

Lenz, Walser, Eppler, Luhmann: Immer wieder spuckt das Bundesarchiv Brisantes aus. Ein Besuch in Lichterfelde.

Jan Oberländer
Bundesarchiv
Das Gedächtnis der Nation. Heinz Fehlauer blättert täglich in den Schubladen des Bundesarchivs. -Foto: Uwe Steinert

„Das ist jetzt ein Boom“, sagt Marion Namsler. Losgegangen sei es gleich nach den ersten Veröffentlichungen in Sachen NSDAP-Mitgliedschaft. Seitdem stapeln sich auf Frau Namslers Schreibtisch beim Ermittlungsdienst des Bundesarchivs Anfragen nachdenklicher Senioren, Jahrgang 1926 oder 1927. Mehr als hundert sind es inzwischen. Alle wollen das Gleiche wissen: War ich damals auch dabei?

Sie wissen es einfach nicht mehr. So wenig, wie sich Martin Walser, Siegfried Lenz oder Dieter Hildebrandt entsinnen können, jemals einen Aufnahmeantrag unterschrieben zu haben. Trotzdem wurden ihre Namen vor wenigen Wochen in der Mitgliederkartei entdeckt, die mitten in Lichterfelde seit Jahrzehnten vor sich hin dämmert. Weitere Enthüllungen über große alte Männer folgten: Auch die einstigen SPD-Minister Erhard Eppler und Horst Ehmke, der Philosoph Hermann Lübbe, der ehemalige „Bild“-Chef Peter Boenisch und der Soziologe Niklas Luhmann sollen NSDAP-Mitglieder gewesen sein.

Die Debatte über Kollektiveintritte, Verdrängung und Verantwortung macht nun offenbar auch kleinere alte Männer nachdenklich. „Das Bundesarchiv wird gebeten“, steht dann in zittriger Kugelschreiberschrift auf kariertem Briefpapier, „mir mitzuteilen, ob meine Person in der NS-Kartei auch vorhanden ist. Für die Antwort – so oder so – dankt mit einem herzlichen ‚Glück auf’“, Unterschrift, Geburtsdatum, Adresse. Das „so oder so“ ist rot unterstrichen.

Marion Namsler ist Ermittlerin, ihr Revier ist eine Datenbank. Von ihrem Schreibtisch aus blickt sie auf ein Riesenpuzzle, die Skyline von New York, ein mal zwei Meter groß, 8000 Teile. Auch Frau Namslers Datenbank ist eine Art Puzzle. Energisch hämmert sie einen Namen in den Computer, klackklackklack. Wenn jemand Friedrich heißt, schreibt sie „Fri*“, mit Blanko-Sternchen, weil man damals oft nur „Fritz“ auf die Karteikarten schrieb. Zuerst sucht Namsler den Nachnamen, probiert eine andere Schreibweise, klackklack, sicherheitshalber mal nur das Geburtsdatum. Klack. Kein Ergebnis. „V.n.v.“ notiert Frau Namsler auf dem Anfragebogen. Vorname nicht vorhanden. Glück auf.

Theoretisch, sagt Namslers Kollege Heinz Fehlauer, während er die Schubladenreihen des Archivkellers abschreitet, könne auch in der Partei gewesen sein, wer nicht in der Kartei auftauche. Die ist nämlich nur zu 80 Prozent überliefert. Eigentlich sollte sie kurz vor Kriegsende vernichtet werden. „Sie lag schon in München in der Papiermühle“, sagt Fehlauer. Der beherzte Papiermüller habe die Karten im letzten Moment gerettet.

Nur darum kann der erstaunlich unverstaubt wirkende Archivar Fehlauer, wenn Frau Namsler doch einmal fündig wird in ihrer Datenbank, in die Katakomben hinabsteigen. Er ruckelt an einer Schublade. „Manche gehen leicht auf, manche saumäßig schwer.“ Wie das eben so ist mit der Erinnerung. Die Holzschubkästen stammen noch aus der Parteizentrale, dem „braunen Haus“ in München. In ihnen stecken insgesamt elf Millionen NSDAP-Karteikarten. Abgegriffener Karton in Graublau oder Graugelb, maschinenbeschrieben, rot bestempelt. Auf manchen der gelben Kärtchen kleben Passfotos. Man trägt Scheitel.

Dass viele nicht mehr wissen, ob sie in die Partei eingetreten sind, dafür hat Fehlauer eine Erklärung: „Das Mitgliedsbuch“, sagt er, „wurde in der Regel spätestens zwei Jahre nach Antragstellung ausgehändigt.“ Damit wurde die Mitgliedschaft rechtskräftig. Viele der damals sechzehn-, siebzehn-, achtzehnjährigen Antragsteller hätten ihr Mitgliedsbuch aber nie bekommen, etwa weil sie inzwischen im Kriegsdienst waren. „Und wenn sie mal Urlaub hatten, sind sie nicht gleich zur Parteidienststelle gerannt“, sagt Fehlauer. Und fügt hinzu: „Die hatten dann wahrscheinlich anderes zu tun.“

Vielleicht sei so erklärbar, dass der eine oder andere „vergessen oder verdrängt“ habe, irgendwann einen Antrag unterschrieben zu haben. Und weil die Anträge größtenteils nicht erhalten sind, ist schwer zu rekonstruieren, ob da nicht doch mal ein Hitlerjunge einen Füller in der Hand hatte. Oder bisweilen das ganze Fähnlein auf einmal eintrat.

Den ganzen Tag in alten Akten zu wühlen, langweile ihn übrigens überhaupt nicht, sagt Fehlauer. „Ich find’s immer wieder prickelnd.“ Die Anfragen, die ihn erreichten, seien ja Teil einer größeren Rahmenerzählung, und die sei immer neu und spannend: Privatgenealogie, Forschungsanfragen, Erbschaftssachen. Außerdem sei er nicht nur für die NSDAP zuständig, sondern auch für den restlichen Bestand des „Berlin Document Center“, der beim Abzug der Amerikaner 1994 ans Bundesarchiv überging. Also unter anderem für die kriegsbedingt leicht angekokelten Akten der Reichsärztekammer, die Personalunterlagen von rund 350 000 SS-Angehörigen und über 300 000 Eheschließungsordner. Begeistert präsentiert Fehlauer die Akte von KZ-Arzt Josef Mengele: „Hier, durch dieses Zahnschema konnte die Leiche in Brasilien identifiziert werden!“

Auf dem riesigen grünen Campus des Bundesarchivs an der Finckensteinallee surren Elektrowägelchen von Haus zu Haus. Sie pendeln zwischen dem Kasernenriegel der preußischen Hauptkadettenanstalt (1878–1933), dem ehemaligen Wirtschaftsgebäude der SS-Leibstandarte „Adolf Hitler“ (1933–1945) und dem Verwaltungsbau der „Andrews Barracks“ der US-Army (1945–1995). Seine Mutter, erzählt Fehlauer, habe als Kind vom Kasernengelände noch Schüsse gehört. Exekutionen. 1934 ließ Hitler bei einem inszenierten Putsch um den SA-Führer Ernst Röhm unliebsame Abweichler aus dem Weg schaffen. Eishauch der Geschichte, strahlender Sonnenschein. Fehlauer blinzelt in Richtung Baugrube. Auf halbem Weg zum Lesesaal klafft ein mannstiefes Loch im Sandboden, groß wie ein Fußballfeld. Im Oktober wird hier der Grundstein gelegt für das zukünftige Herzstück der Anlage. 2010 soll ein neues Magazingebäude fertig sein, fünfstöckig, perfekt klimatisiert, anders als die Keller der SS-Kaserne, in denen die Temperatur trotz Ventilation selten den Idealwert erreicht.

Berlin-Lichterfelde ist nicht nur der größte der acht Standorte des Bundesarchivs. „Er wird auch zunehmend der wichtigste“, sagt Archivsprecherin Monika Kaiser. Nicht nur wegen des geplanten Neubaus, sondern auch durch die Nähe zu den Bundesbehörden, die regelmäßig auf ihre eigenen abgelegten Akten zugreifen.

„Wir sind das Gedächtnis der Nation“, sagt Frau Kaiser. Tatsächlich lagern hier ausschließlich historische Dauerbrenner: natürlich die Abteilung „R“ wie Reich, mit den Akten aus der Zeit von 1871 bis 1945. Dann das Material der zentralen DDR-Verwaltungsbehörden und schließlich die Bestände der SAPMO, der „Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR“.

Fast 300 laufende Regalkilometer lang ist dieses Gedächtnis. Und es wächst ständig. Außer den Akten lagern hier eine Million Filmrollen, zwölf Millionen Fotos und Bilder, 78 000 Plakate, 90 000 Landkarten. Alles ist für jeden zugänglich, bundesweit wird das Archiv von mehr als 8000 Menschen im Jahr genutzt, dazu kommen 63 000 schriftliche Auskünfte. Und immer mal wieder wird aus dem Aktenschrank der Republik Brisantes ans Licht geholt, wie zuletzt die Belege für die NSDAP-Mitgliedschaft prominenter älterer Herren wie Dieter Hildebrandt, Siegfried Lenz oder Horst Ehmke. Frau Kaiser findet das nicht weiter erstaunlich. „Die Sachen sind ja nicht aus dem Hut gezaubert“, sagt sie. „Die waren schon immer hier. Man muss nur die richtigen Fragen stellen.“

Im Lichterfelder Lesesaal kennt man sich. Wer hier sitzt, sitzt meist für Wochen. Laptopgeklapper, Papiergeraschel. Auf den Tischen stehen kleine Nummernschilder. Neben der 7 sitzt Motomo Koike, der an der Universität Tokio über das China-Bild deutscher Diplomaten vor dem Ersten Weltkrieg promoviert. An Tisch 11 wälzt die Hamburgerin Meike Haselmann für ihre Doktorarbeit Akten über das Jagdwesen in der DDR, „zwischen Feudalismus und Sozialismus“. Andere interessieren sich für die Nazivergangenheit von Landtagsabgeordneten oder den Malaria-Diskurs der deutschen Kolonialzeit. Die Erinnerung lebt. Frau Kaiser lächelt stolz. „Es gibt unendlich viele Themen. Suchen Sie sich eins aus!“ Draußen vor dem Fenster rumpelt ein Elektromobil um die Ecke, schwer beladen mit Akten. Vergangenheit für alle Zukunft der Welt.

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