Kultur : Bundesgartenschau: Die Natur auf der Intensivstation

Falk Jaeger

Eine Gartenschau besuchen der Architektur wegen? Hin und wieder nehmen auch die Architekturfreunde das Gedränge in den grün-bunten Jahrmärkten auf sich, wenn es gilt, den vielpublizierten Pavillon einer Zaha Hadid, den Erdpavillon eines Engelbert Kremser oder die federleichten Brücken eines Jörg Schlaich in Augenschein zu nehmen. Ausstellungsarchitektur ist eines der letzten Refugien, in denen Architekten formal so ungezügelt entwerfen können wie früher etwa im Kirchenbau. Aus diesem Grund geraten Weltausstellungen seit jeher unvermeidlich zum Architekturzoo.

Doch nicht selten beginnen Architekten, die Freiheiten aus eigenem Antrieb einzuschränken, denn dass Bauen unter erschwerten Bedingungen allemal Fantasien frei setzt und Qualitäten fördert, ist ein Gemeinplatz. Als die Berliner Architekten Frank Barkow und Regine Leibinger sich daran machten, die Blumenhalle für die Bundesgartenschau 2001 in Potsdam zu entwerfen, wollten sie demgemäß auf dem freiem Feld keine Pirouetten drehen, sondern forschten zunächst nach dem Genius Loci als Ideengeber für ihren Entwurf.

Der Ruinenberg beim Schloss Sanssouci einerseits und das wieder auferstandene Belvedere auf dem Pfingstberg andererseits blicken herüber auf das einstige preußische Exerzierfeld, das später die Reichswehr und dann die Infanteristen der Sowjetarmee beackerten. Es waren vor allem die russischen Streitkräfte, die das Gelände des Bornstedter Felds nördlich der Potsdamer Innenstadt morphologisch überformten, indem sie für ihre Schießplätze umfangreiche Wallanlagen aufwarfen. Barkow und Leibinger ließen sich davon anspornen und warfen zwei weitere, umso mächtigere Wälle auf. Quer drüber legten sie Betonträger und eine Dachhaut, so wenigstens das minimalistische Prinzip, mit dem sie damals die Jury des Wettbewerbs überzeugten. Die Blumenhalle sollte mit der Landschaft eins werden, denn sie wollten keinen neuen Kristallpalast errichten.

Wer heute Potsdam auf der Nedlitzer Straße Richtung Norden verlässt und bei den schrundigen, leerstehenden Abbruchhäusern (eine erstaunliche "Zierde" für den Hauptzugang der Buga!) links einbiegt und die "vereinigten Hüttenwerke" der Bewirtungskolonie rechts liegen lässt, sieht sich dann doch einem veritablen Monument gegenüber, das 200 Meter Länge und 6000 Quadratmeter Fläche nicht verhehlen kann - und vielleicht im Interesse des späteren Betreibers Cinemaxx auch gar nicht soll. Die Wälle sind natürlich nicht grün, oder nur zum Teil, zum anderen Teil nach Architektenart "interpretiert", das heißt in eine andere Daseinsform transponiert. Sie sind aus purem Beton, mit Schiefer gepflastert oder mit Hunderten von Eichenstämmen belegt. Die drei Dutzend Betonbinder liegen auch nicht auf den Wällen, sondern mussten zwei Meter angehoben werden, um durch eine Glaswand mehr Licht ins Innere zu lassen. Der nördliche Wall wird von einem Dreieck durchschnitten, das wie eine Schlucht in die Halle einschneidet, unterbrochen von einem gläsernen Vorhang, der das Drinnen vom Draußen trennt, gleichwohl im Sommer weit geöffnet werden kann.

Im Inneren, zwischen den beiden Wällen, öffnet sich ein ansteigendes "Tal", eine tropische hybride Landschaft, halb Natur, halb geometrisches Labyrinth, mit mäandrierenden Treppenwegen und hängenden Laufgängen. Ein Bach plätschert vom oberen (quadratischen) See durchs tropische Biotop hinab zum unteren (dreieckigen) See, darf sich in ihn aber nicht ergießen, denn er ist ein armer Sisyphus, wird vor Erfüllung seiner Mission abgeleitet, wieder nach oben gepumpt und neuerlich zu Tal genötigt.

Kurzweilig ist der Rundgang auf alle Fälle, führt aus dem tiefen Foyer das Tal hinauf, zur "Orangerie" am westlichen Ende und zum oberen See, der durch Bullaugen auch von unten betrachtet werden kann. Ganz oben bietet eine Bar mit drei Klimazonen (tropisch schweißtreibend, angenehmes Raumklima, wechselndes Außenklima) Erfrischung. Ein Aufzug bringt die Gäste aufs Dach mit dem besten Rundblick über das Buga-Areal und über ein rohes Betontreppenhaus wieder zurück zum Rundgang über die Hängebrücken, der bei einer Ausstellung und dem Restaurant - ebenfalls mit drei Klimaten - endet.

Ein Unbehagen bleibt. Was auf den hübsch bunten Plänen aus dem Büro Barkow Leibinger wie ein künstlerisches Exerzitium erscheint und wohl auch ist, ein Spiel mit topologischen Typen und geometrischen Formen, vermittelt sich nicht in der Wirklichkeit. Die abstrahierten und geometrisch idealisierten Naturformen harmonieren in keiner Weise mit der üppigen Vegetation und der simulierten Natur einer künstlichen Schlucht. Die Konsequenz ist wohl unvermeidlich: Entweder man domestiziert den Urwald und simuliert nach allen Regeln der Kunst ein natürliches Ambiente, oder man schafft eine künstlerische Raumkomposition, in der die Pflanzen nur verfügbares Material sind, der Farbe und den anderen Materialien, Holz, Stahl und Stein gleichgestellt.

Das profane Industriedach schließlich mit dem schnellen Stakkato der 33 Meter überspannenden Betonträger hat zu viel Eigengewicht und verströmt alles andere als die Anmutung einer Blumenhalle, einer Orangerie oder eines Gewächshauses. Ungestraft wird man den eingeführten Topos der filigranen Stahlkonstruktion in der Nachfolge der Gewächshäuser und Kristallpaläste als passende Kombination mit üppig-grüner Vegetation nicht ignorieren können. Es liegt auch in der "Natur" der Sache, dass das hochinstallierte Potsdamer 58-Millionen-Ding nur noch wenig mit der ursprünglichen Idee des Balkendaches über zwei simplen Dämmen zu tun hat. Die Dämme sind künstlich geschalt, geschient und von Katakomben, Aggregathallen und Nebenräumen durchbohrt, die Steinwälle sichtlich mit dünnen Platten tapeziert. Überall erinnern Leitungen, Installationen und technische Vorrichtungen daran, dass man sich in einer Natur auf Intensivstation bewegt.

Es handelt sich bei der Buga-Halle um eine komplexe Entertainment-Maschinerie, denn schließlich soll das Gebäude im Anschluss an die Gartenschau als artifizielle "Biosphäre" kommerziell weiter genutzt werden. Dann werden auch die braven Buga-Pflanzen ausgeräumt und durch einen spektakulären Dschungel ersetzt sein und arbeitslose Stuntmen aus Babelsberg werden wohl als Teilzeit-Tarzan Lohn und Brot finden.

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