Kultur : Bundeswehr: "Die dritte Liga hat dieses Land nicht verdient"

Ist die B,eswehr nicht für eine Führun

Ulrich Weisser (63) war als Vizeadmiral Planungschef im Vertei- digungsministerium. Er hat sich intensiv mit Nato und Bundeswehr beschäftigt.

Ist die Bundeswehr nicht für eine Führungsrolle in Afghanistan gerüstet?

Die Bundeswehr leidet unter der Überdehnung ihrer Kräfte, weil die Politik in sträflicher Weise vernachlässigt hat, die Streitkräfte auf die neuen Aufgaben auszurichten und die notwendigen finanziellen Mittel bereitzustellen. Die Bundeswehr kann aus den vorhandenen Kräften auch eine Führungsaufgabe in Afghanistan bewältigen, wenn sie Kräfte woanders einspart, zum Beispiel das Engagement auf dem Balkan reduziert. Das ist aber eine Frage der politischen Prioritäten, aber diese Diskussion wird ja nicht einmal geführt.

Welche Priorität würden Sie setzen?

Afghanistan! Deutschland ist geeignet wie kein anderes Land, um die Friedenssicherung zu übernehmen: Wir haben lange, traditionell gute Beziehungen mit Afghanistan, wir haben nicht den Makel der Kolonialmacht und waren nicht in die Bombardements integriert. Zudem haben wir beste Beziehungen zu den Nachbarn, zu Russland, Iran, Indien, Pakistan. Unsere Soldaten sind geeigneter als zum Beispiel die Türken, weil sie auf dem Balkan geschult sind im sensiblen Umgang mit der Bevölkerung in einem sehr schwierigen Umfeld.

Wie sehen die wichtigsten Anforderungen eines solchen Einsatzes aus?

Das eigentliche Problem besteht in der mangelnden Führungsfähigkeit: Ein Kommandeuer muss mit den ihm unterstellten Truppen, mit der übergeordneten Ebene, also den USA, den UN und mit der eigenen Regierung, ständig kommunizieren. Das erfordert komplizierte Strukturen, Satelliten zum Beispiel, das alles haben wir nur sehr begrenzt, und es ist auf dem Balkan verbraucht. Auch die Logistik ist ein Problem, aber ein geringeres. Wenn klar wäre, dass die Deutschen für die Befriedung Afghanistans zuständig sind, könnten ihnen die Amerikaner auf diesem Feld sicherlich aushelfen.

Es sieht so aus, als wüsste die Bundesregierung selbst nicht genau, ob sie nun die Führungsrolle übernehmen soll oder nicht.

Das ist ja das Fatale. Die Bundesregierung hat keine konsistente Verteidigungspolitik. Das Beispiel Militär-Airbus zeigt es auch. Es ist ein Desaster, die Truppe bekommt keine Perspektive, um die von ihr selbst beschlossene Reform finanzierbar zu machen. Die Regierung schwankt zwischen der politischen Einsicht, mehr tun zu müssen, und der erschreckenden Einsicht, nicht mehr tun zu können. Deshalb muss ein politisches Konzept her. Sonst können wir uns in die dritte Liga abmelden, und das hat dieses Land nicht verdient.

Was muss sich in der Bundeswehr ändern, damit sie für kommende Aufgaben gut ausgestattet ist?

Das Allerwichtigste, glauben Sie mir das, ist eine plausible Erklärung für die Bevölkerung: Was kommt sicherheitspolitisch auf uns zu, was sind die künftigen Aufgaben, und was sind wir bereit, dafür zu tun? Wenn wir diese Fragen beantwortet haben, müssen wir die Entscheidung treffen, dieses dann auch umzusetzen, in Struktur und Geld. Der pure Ruf nach Geld reicht nicht, man muss auch wissen, wozu wir das Geld verwenden wollen.

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