Kultur : Bundeswehr-Einsatz: Hallo Kabul, bitte melden

Armin Lehmann

Der Mann hat Nerven. "Kommen Sie vorbei zum Interview?", fragt der Mitarbeiter der Deutschen Botschaft in Kabul am Telefon. "Es folgt ein ohrenbetäubendes Rrrrringrrrrrr. Neuer Versuch:

Vorbeikommen? Nein, ähm, das müsste schon am Telefon gehen."

"Ah so", sagt der Mann, "natürlich ..." Rrrrringrrrrrr. Neuer Versuch:

"Hallo, Kabul?"

"Ja, hallo, Sie können sich wirklich nicht vorstellen ..." Rrrrringrrrrrr. Kabul ist nicht mehr zu hören.

Rrrrringrrrrrr ist ungefähr der Ton, der aus Deutschland zu hören ist, wenn die Leitung in Kabul zusammenbricht. Und das kann öfter mal vorkommen in diesen Tagen. Deswegen ist es schon schade, dass von hier niemand mal schnell vorbeischauen kann im fernen Afghanistan. Schließlich wäre ja interessant zu wissen, was der Mann meinte: Unter welchen Bedingungen arbeiten Diplomatie, Politik und Militär zurzeit in diesem kriegsversehrten Land am Hindukusch?

Alle zwanzig Minuten ein Termin

Der Ablauf der letzten Tage für die Botschaft sah ungefähr wie folgt aus: Vorgestern hat Botschafter Rainer Eberle sein offizielles Beglaubigungsschreiben der Kabuler Regierung übergeben und war damit der erste Botschafter, der seine Arbeit aufnahm. Das war im Fernsehen zu sehen, davon gab es Bilder. Was niemand sieht, ist der Alltag: Wie schon vor der Zeremonie am Mittwoch und an anderen Tagen wimmelt es am Donnerstag nur so von verschiedenen Delegationen, die sich in der Botschaft die Klinke in die Hand geben.

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Fast alle zwanzig Minuten ein Termin, mitten durch die Treffen gehen die neu ankommenden Botschaftsmitarbeiter samt Gepäck. Sie müssen begrüßt, betreut und eingewiesen werden. Ständig fehlt irgendetwas. Der Eine sucht, der Andere findet nicht. Das Telefon klingelt ununterbrochen. Andere Botschafter, die noch nicht akkreditiert sind, kommen zu Besuch. Das sind keine Kaffeekränzchen, es gibt einfach viel zu besprechen, praktische Dinge zum Alltag oder politische Einschätzungen, die ausgetauscht werden. Eberle empfängt einen Gast nach dem anderen. Ans Telefon kommt er erst gar nicht. "Sie können sich nicht vorstellen ..."

Wie auf einem Basar - so geht es also zu. "Dabei ist das Obergeschoss der Botschaft noch nicht einmal zu gebrauchen, weil dort nach einem Granatentreffer alles ausgebrannt war", ruft der Botschaftsmann noch ins Telefon, bevor wieder alles zusammenbricht. Die kleinen Einschusslöcher, weiß das Auswärtige Amt (AA) in Berlin, werden schon irgendwie gestopft, für das große kommt Hilfe aus Deutschland eingeflogen.

Spontane Vorträge

Improvisationstalent ist gefragt, flexibel müssen alle sein: Da traf es sich gut, dass ausgerechnet jene drei AA-Mitarbeiter in dem Flugzeug sitzen - das die deutschen Soldaten nach Kabul bringen sollte -, die die Bauarbeiten an der Botschaft vorbereiten sollen. Damit auch die Truppe sich vorstellen kann, was sie in Kabul erwartet, wo sie am Donnerstag immer noch nicht angekommen war, haben die AA-Leute die Gunst der Stunde genutzt und den Soldaten die Wartezeit mit spontanen Vorträgen verkürzt.

Die Soldaten haben von ihnen einiges erfahren. Zum Beispiel, dass der technische Hausmeister erst einmal die Heizungsanlage reparieren musste. Tag um Tag wurde ein neues Zimmer erschlossen und erwärmt. Fehlende Fensterscheiben wurden teilweise aus Pakistan besorgt, und schließlich musste der rund zehn Zentimeter hohe Staub von allen Akten und Büchern beseitigt werden.

Wer weiß, vielleicht haben die Soldaten am Anfang noch nicht so viel zu tun: An der Botschaft gibt es genug Arbeit.

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