Kultur : Bundeswehr in Afghanistan: Gelächter, Johlen, Raunen

Robert von Rimscha

Die Versuchung war zu groß. Natürlich debattierte der Bundestag bei seiner vorweihnachtlichen Sondersitzung eigentlich die Bundeswehr-Beteiligung an der UN-Schutztruppe für Afghanistan. Aber der politische und militärische Chef der Bundeswehr heißt eben Rudolf Scharping, Inhaber der Kommandogewalt. Und der hatte mit seinen Äußerungen über bevorstehende Schläge gegen Somalia nicht zum ersten Mal für Unruhe gesorgt - "unterstellte Spekulationen", wie Scharping selbst sagt. So war das Gezerre um den Verteidigungsminister das wichtigste Nebenthema am Sonnabend.

Gelächter, Gejohle und Raunen begleiteten Scharping, als er leicht verspätet auf der Regierungsbank im Reichstag Platz nahm. "Finden Sie nicht, dass das ein bisschen ernster ist, als Sie es gegenwärtig machen?", fragte Kanzler Schröder, der gerade zu sprechen begonnen hatte. Eben, riefen Unionsabgeordnete im Dutzend, eben: ernst ist es. Eine halbe Minute lang musste Bundeskanzler Schröder seine Rede dann unterbrechen, bis die Opposition sich wieder beruhigt hatte.

"Mehr als Wolldecken"

Friedrich Merz nahm das Scharping-Thema auf, verpackt in einen Dreierangriff auf die Regierung. Der Kampf gegen den Terror werde der Bundesrepublik "noch mehr abfordern als den Transport von Wolldecken" in die Türkei, meinte der Fraktionschef der Union. Viel mehr habe Deutschland ja bislang nicht geleistet. Es sei doch grotesk, "dass darüber fast das rot-grüne Bündnis zerbrochen wäre". Dann folgte ein heftiger Seitenhieb auf die Berliner Koalition mit der PDS, und schließlich landete Merz bei Scharping.

"Herr Bundeskanzler, ersparen Sie uns und anderen die Fortsetzung dieser Peinlichkeiten und nehmen sie ihn in aller Stille über den Jahreswechsel aus dem Amt", empfahl Merz. "Lassen Sie ihn lange in die Karibik fahren und sorgen sie dafür, dass ein Verteidigungsminister ins Amt kommt, der Autorität und Ansehen auch bei den Soldaten der Bundeswehr hat!" Gerade die Peinlichkeiten der letzten Tage schadeten dem deutschen Ansehen in der Welt. Scharping saß versteinert in seinem Sessel und blickte hinab in seine Papiere, ohne eine Regung zu zeigen.

Urlaubssperre

Das Stichwort Karibik bezieht sich auf die aktuelle Neuauflage des Scharpingschen Dauerthemas fragwürdiger Urlaubsreisen. Am Freitag hatte Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye eine Kolportage des bekannten politischen Aufklärungsmagazins "Neue Revue" als "frei erfunden" bezeichnet, der zufolge es einen heftigen Wortwechsel zwischen Schröder und Scharping über dessen angebliche Urlaubspläne gegeben haben soll. "Wenn Du fliegst, fliegst Du", soll der Kanzler seinem Minister zugerufen und damit eine unmissverständliche Urlaubssperre verhängt haben.

Wolfgang Gerhardt, der Fraktionschef der FDP, hieb in die gleiche Kerbe wie Merz. Die Bundeswehr sei eine großartige Armee, leide aber "erkennbar unter einer miserablen politischen Führung". Wer die Bundeswehr "auf hohem Niveau" halten wolle, müsse sie nicht nur mit den erforderlichen Finanzmitteln ausstatten, sondern auch "die politische Führung auswechseln".

Dem Außenminister entschlüpfte eine knappe Verteidigung seines Kabinettskollegen. Es spreche für die "dürftigen Argumente" der Union, so Joschka Fischer, wenn man nun jeden Schritt Scharpings als anrüchig darstelle. Der Mann, der in seiner Rede über einen kommenden deutschen Militäreinsatz am meisten Gelegenheit gehabt hätte, seinen zuständigen Minister zu loben, erwähnte ihn mit keinem Wort: Gerhard Schröder.

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