Kultur : Bundeswehr: Keine Frage der Ehre

Robert Birnbaum

Lead nation" klingt gut - so lange es nur um die Ehre geht und nicht um die Praxis. Kein Zufall, dass Deutschland erst beim "Fox"-Einsatz in Mazedonien diese Rolle erstmals übernommen hat. Kein Zufall auch, dass dies ein in Umfang wie Aufgabe begrenzter Einsatz ist - etwa 1000 Mann, davon gut die Hälfte Deutsche, die als Schutztruppe für internationale Beobachter fungieren. Aber selbst dort beschränkt sich die Rolle der Führungsnation nicht darauf, einen General nebst Stab in Marsch zu setzen. Sie ist verantwortlich für die Gesamtoperation, Schnitt- und Koordinierungsstelle für den politischen wie den militärischen Ablauf - und im Zweifel in der Pflicht als Lückenbüßer für alles, was fehlt.

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Wie das konkret aussieht, hängt vom konkreten Einsatz ab und wird vorher unter den internationalen Truppenstellern ausgehandelt. Schon diese Abstimmung und Verteilung der Aufgaben - wer stellt wie viele Kräfte, wer hat welche Fähigkeiten und Materialien, was wird überhaupt gebraucht - liegt in der Hand der "lead nation". Zugleich muss sie mit der politischen Führung des Einsatzlands alle Details des Einsatzes klären und den Kontakt zu anderen Akteuren halten, von der UNO bis zum privaten Hilfsdienst. Sie ist zuständig für Kommunikation, Logistik, Sanitätsversorgung - muss das zwar nicht notwendig alles aus eigenen Mitteln leisten, kann auch delegieren, braucht aber zum Beispiel ein Minimum an eigenen Fernmelde- oder Lufttransportkapazitäten, um ihre Führungsaufgabe ohne ständigen Rückgriff auf andere erfüllen zu können.

Genau diese Kernfähigkeiten - Heeresflieger mit ihren Hubschraubern, Lufttransporter, Fernmelder mit modernem Gerät wie Satelliten-Kommunikation, Sanitäter, aber etwa auch Starkstromelektriker - sind knapp in der Bundeswehr. Und sie sind zudem zu großen Teilen auf dem Balkan gebunden. Die Zwei-Jahres-Pausengarantie zwischen zwei Einsätzen wäre für diese Experten nicht mehr zu halten. Militärs befürchten überdies, dass ein Wechsel der führenden Nation in Afghanistan schon vom Umfang des notwendigen Neuaufbaus her die Bundeswehr überfordern könnte.

Das beginnt damit, dass die derzeit führenden Briten die Luftraum-Überwachung selbst bewerkstelligen. Und es endet mit der Frage, wer in der in Verantwortungsbereiche aufgeteilten Hauptstadt Kabul den britischen Sektor übernehmen soll. Die Führung in London würde ihre Soldaten gerne nicht nur aus der Führungsrolle, sondern aus dem ganzen Einsatz zurückziehen.

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