Kultur : Bundeswehr: Zu Diensten

Robert Birnbaum

Der Mann mit den Generalssternen auf der Schulter formuliert es etwas umständlich, aber dennoch klar: "Wenn die Politik sagt, wir müssen, dann müssen wir auch können." Ein Sprecher des Verteidigungsministers formuliert es weniger umständlich: "Wir sind Erfüllungsgehilfen des Kanzler- und des Auswärtigen Amtes." Was nach kokettem Understatement klingt, wird bald zur schwierigen Realität. Der Bundeskanzler hat der Weltgemeinschaft Soldaten für eine Afghanistan-Friedenstruppe versprochen. Gerhard Schröders Zusage auf dem Petersberg bereitet denen, die sie umsetzen sollen, einiges Kopfzerbrechen. Ist die Bundeswehr für den Einsatz am Hindukusch überhaupt bereit und gerüstet?

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Darauf gibt es nicht nur eine, es gibt mehrere Antworten. Für die Politik und bei den "politischen" Militärs im Berliner Bendler-Block steht außer Frage, dass es Anforderungen gibt, denen man sich schlecht entziehen kann. Von Anfang an war klar, dass Deutschland als Ausrichter der Afghanistan-Konferenz sich für die Umsetzung eines Petersberg-Abkommens mit in die Pflicht nehmen lassen müsste. Das liegt in der Logik einer Politik, die ein Regierungsmann die "Fortsetzung des Genscherismus mit anderen Mitteln" nennt.

Im Rahmen der Möglichkeiten

Spätestens seit dem 11. September ist augenfällig, dass deutsche Interessen in der Welt sich nicht allein nach Entfernung messen lassen. Wobei, betont ein Sachkenner im Kanzleramt, auch weiter eine Lieblingsformel Helmut Kohls und Hans-Dietrich Genschers gilt: Einmischung nur "im Rahmen unserer Möglichkeiten".

Die Möglichkeiten freilich sind beschränkt. Womit man zur zweiten Sorte Antworten kommt: Den praktischen. Seit Jahren ist die Bundeswehr durch Einsätze stark belastet. Etwa 7500 Mann sind auf dem Balkan in Bosnien, Mazedonien und im Kosovo, weitere 3900 Mann zugesagt für den "Kampf gegen den Terror", zusammen also rund 12 000 Soldaten zeitgleich im Einsatz. Dass die Armee damit schon hart am Rand ihrer heutigen Möglichkeiten agiert, haben Spitzenmilitärs mehrfach betont. Und nun noch mehr? Die tatsächliche Lage ist teils einfacher, teils komplizierter. Einfacher ist sie mit Blick auf das Anti-Terror-Kontingent. Fast die Hälfte davon stellt mit 1800 Mann ein Flotten-Einsatzverband. Ob der durch Atlantikwellen pflügt oder durch den Golf von Aden, ist unter Kapazitätsaspekten egal: Die Marine, durch Einsätze kaum belastet, hat kein Problem. Die Luftwaffe auch nicht. Der Problemfall ist das Heer. Die Teilstreitkraft stellt den Löwenanteil der Soldaten, die für Friedenstruppen benötigt werden: Vom Kraftfahrer zum Sanitäter, vom Wachsoldaten zum Logistik-Spezialisten. Gut 55 000 der mehr als 90 000 Heeres-Soldaten sind inzwischen den Krisenreaktionskräften zugeordnet. Das klingt nach mehr, als es ist. Das Beispiel Balkan zeigt, warum. Mit 7500 Mann ist es ja nicht getan. Die nächsten 7500 bereiten sich auf die jedes halbe Jahr fällige Ablösung vor, die Vorgänger stecken noch in den Nacharbeiten. Überdies hat die Bundeswehr-Führung ihren Schützlingen zugesichert, dass zwischen jedem Einsatz möglichst zwei Jahre liegen sollen. So kommen auf jeden Mann im Einsatz fünf, die den Ruhezyklus durchlaufen.

Tatsächlich werden so allein durch die Balkan-Einsätze nicht 7500, sondern etwa 35 000 Heeres-Soldaten gebunden. Nimmt man die anderen Einsätze hinzu und zieht jene ab, die zwar auf dem Papier stehen, aber die Ausbildung für Auslandsverwendung noch gar nicht durchlaufen haben, bleibt nicht mehr viel. Zwar steckt in den Balkan-Mandaten eine Art "stiller Reserve": Der Bundestag hat gut 4000 Mann mehr gebilligt als tatsächlich im Einsatz sind. Aber die von Politikern, auch vom Verteidigungsminister Scharping gern gezogene Schlussfolgerung, diese ungenutzte Zahl stehe für andere Aufgaben zur Verfügung, stößt in der Truppe auf verständnisloses Kopfschütteln. "Wir haben die Leute einfach nicht", sagt ein Offizier. Die höheren Zahlen in den Mandaten seien eine Sicherheitsmarge, um auf Krisenlagen rasch mit Aufstockung reagieren zu können. Daraus lasse sich kein Dauer-Einsatz stricken.

Die Ruhepause wird kürzer

Aber woraus dann? Generalinspekteur Harald Kujat hat einen Weg schon vor Wochen gewiesen: "Ein weiterer Einsatz hätte zunächst zur Folge, dass wir unseren Einsatzrhythmus verändern müssten." Im Klartext: Die zweijährige Ruhepause zwischen zwei Einsätzen fällt kürzer aus. Ein Gedanke, vor dem nicht nur der Bundeswehr-Verband warnt. Die Motivation der Soldaten gerate in Gefahr, die für die Bundeswehr-Reform so wichtige Nachwuchswerbung für Zeit- und Berufssoldaten werde schwieriger. Unstreitig ist zudem, dass bestimmte Spezialisten - Sanitäter, Pioniere, Heeresflieger oder Fernmelder - so rar sind, dass für sie oft heute schon kein Zwei-Jahres-Takt mehr gilt.

Was bleibt als Fazit? Möglich ist die deutsche Friedenstruppe für Kabul. Doch der Preis ist hoch, und umso höher, je umfangreicher und umfassender in den Aufgaben das deutsche Kontingent ausfällt. Nicht ausgeschlossen, dass sogar die Bundeswehr-Reform leidet. Zwar glaubt niemand, sie könnte in Gefahr geraten. Aber Verzögerungen hier und da gelten als denkbar. Unter Militärs stößt in dieser Lage der Gedanke auf Sympathie, Deutschland könnte als "lead nation" den Einsatz einer europäischen Friedenstruppe leiten. Was nach mildem Größenwahn klingt, hat einen schlichten Hintergrund: Einen General plus Stab könnte die Bundeswehr viel leichter stellen als ein nennenswertes Einsatzkontingent. Nur dass diese Variante der Politik Kopfzerbrechen macht. Ihre Verantwortung wäre ungleich größer.

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