Kultur : Bundeswehreinsatz in Afghanistan: Ordentlich zu tun

Robert Birnbaum

Der deutsche Afghanistan-Einsatz beginnt mit Bildern wie aus dem Militärmuseum. Montagmittag lassen drei Transall-Transporter ihre je zwei Rolls-Royce-Propellermotoren an und dröhnen vom US-Luftwaffenstützpunkt Ramstein gen Südosten davon. Der betagte Arbeitspegasus der Bundesluftwaffe, Entwicklungsbeginn 1959, nimmt Kurs auf die Türkei. Zunächst zwei Monate lang sollen die Transporter zwischen Ramstein in der Pfalz und der Luftwaffenbasis Incirlik in Ost-Anatolien hin- und herpendeln.

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An Bord sind bis zu 16 Tonnen Gerät und Material aus britischen und US-Beständen. Die östlichste Luftwaffen-Großbasis der Nato ist zentraler Nachschubplatz für Militäraktionen im Mittleren Osten und in Zentralasien. Für die Deutschen ein, wie Generalinspekteur Harald Kujat sagt, unspektakulärer Einsatz. Ein Luftwaffen-Offizier formuliert es drastischer: "Wir sind die Christel von der Post." Die Bundeswehr als Spediteure, als Wächter der Meere am Horn von Afrika - der 1800 Mann starke Marine-Verband wird Mitte Dezember verlegt -, als gute Samariter mit startbereiten Airbus-Lazaretten; das alles klingt viel undramatischer als etwa der inzwischen fast in Vergessenheit geratene Mazedonien-Einsatz.

Nur die vom Bundestag zugesagten 100 Spezialtruppen-Kämpfer sorgen ab und zu für Schlagzeilen. Die ersten der harten Männer sollen jetzt im Scheichtum Oman mit amerikanischen und britischen Spezialtrupps gemeinsam üben. Für welchen konkreten Einsatz, ist unklar. Militärexperten gehen aber weiter davon aus, dass die Deutschen eher nicht Afghanistan nach Osama bin Laden durchstreifen, sondern andernorts die Amerikaner entlasten sollen. Etwa dabei, dem Multimillionär und seinen Anhängern Fluchtwege nach Afrika zu verlegen. In Chaos-Staaten ohne stabile Zentralgewalt wie Somalia oder Sudan hat bin Laden schon früher Verbündete und Unterschlupf gefunden.

Für die Militärplaner der Nato und damit auch für die im Berliner Bendler-Block ist das alles freilich schon ein bisschen Schnee von gestern. Deren Hauptaugenmerk gilt einer ganz anderen Aufgabe, die durch den raschen Kollaps des Taliban-Regimes früher als erwartet auf die Allianz zukommt. Es geht um die Absicherung von Hilfstransporten, in einem zweiten Schritt womöglich auch um die Schirmherrschaft über einen politischen Prozess. Es geht mithin um ganz ähnliche Herausforderungen wie schon in Nachkriegszeiten in Bosnien, im Kosovo und in Mazedonien.

Eine heikle Sache, das wissen alle Beteiligten. Offiziell ist von Kampftruppen nicht die Rede. Inoffiziell gibt jeder, der mit den Vorplanungen befasst ist, unumwunden zu, dass eine Schutztruppe für Hilfskonvois natürlich im Stande sein müsse, notfalls mit massiver Gewalt Angreifer abzuwehren. An denen herrscht am Hindukusch kein Mangel - vom versprengten Taliban über Schmuggler und Banditen bis zu lokalen Kriegsherren, die Lebensmittel, Medikamente und Decken für ihre Leute requirieren wollen. Massiv müsste erst recht ein Mandat für eine internationale Streitmacht werden, die eine Übergangsregierung stützen könnte.

Die Militärs planen längst für diese Fälle. Bei der Nato in Brüssel lagen bereits vorletzte Woche mehrere Optionen auf dem Tisch - davon mindestens eine, die einen schwer bewaffneten Nato-Großeinsatz vorsah. Doch das Verfahren tritt vorerst auf der Stelle. Amerikaner und Franzosen bremsen aus Prestigegründen. Die Deutschen scheuen jede neue Aufregung in der mühsam stabilisierten rot-grünen Koalition. Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping hat jetzt erst einmal die Parole ausgegeben: "Ein Mandat der UN ist für humanitäre Maßnahmen die entscheidende Voraussetzung." So ein Mandat freilich könnte rasch kommen - etwa im Gefolge der Afghanistan-Konferenz auf dem Petersberg. In der Bundeswehrführung stellt man sich denn auch nüchtern auf den nächsten Einsatz ein: "Wenn entschieden wird, dass Deutschland sich militärisch beteiligt, dann werden wir das eben zu tun haben", sagt ein Spitzenmilitär.

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