Kultur : Bunker-Bilder

Christina Tilmann

Wenn es nach Peter Noever geht, gibt es in Wien noch nicht genug Kunstmuseum: "Was der Stadt dringend fehlt, ist ein Museum für zeitgenössische Kunst" erklärt der Leiter des Wiener "MAK - Museum für Angewandte Künste", das sich mehr und mehr auch als Haus für Gegenwartskunst etablieren will. Zwar hat im Wiener Museumsquartier gerade erst ein "Museum für Moderne Kunst" eröffnet - aber, so Noever, dort würden zwei sehr persönliche Einzelsammlungen überproportional glorifiziert. "Die Stadt Wien, die von der Kunst lebt, hat selbst niemals zeitgenössische Kunst gesammelt."

Das soll sich unter Leitung des umtriebigen Designers, Kurators und Zeitschriftenherausgebers ändern, der gute Kontakte zu den Kunstinstitutionen in aller Welt hat. So war es ihm ein Leichtes, Unterstützung von Experten wie Catherine David, Boris Groys, Jan Hoet oder Thomas Krens zu bekommen: In einem "International Advisory Board" wollen sie für die Errichtung und Finanzierung eines Museums für Zeitgenössische Kunst trommeln.

Ein attraktiver Standort ist schon gefunden: Ein Flakturm aus dem zweiten Weltkrieg, im Dritten Gemeindebezirk Wiens unweit des MAK gelegen. Um dessen Umbau zum "Contemporary Art Tower" (CAT) voranzutreiben, zieht Noever seit zwei Jahren mit einer kleinen Ausstellung durch die Lande: Von Los Angeles über New York und Moskau nach Berlin. Das Vitra Design Museum Berlin, das sich der Umnutzung kunstferner Räume rühmt, bietet ihm im Foyer des Umspannwerks Asyl - und träumt davon, künftig einen zweiten Raum für kleinere Ausstellungen zu gewinnen.

Der Reiz und das Risiko des Projekts ist die Geschichte des Ortes: Der 42 Meter hohe Bunker mit seinen bis zu sieben Meter dicken Wänden bietet im Inneren nahezu unbegrenzten Raum - und wird vom MAK auf zwei Etagen schon jetzt erfolgreich als "MAK Gegenwartsdepot" genutzt. Gleichzeitig jedoch wird sich kaum ein Besucher oder Künstler frei machen können von der gefährlichen Faszination des Ortes. Es ist kein Wunder, dass Paul Virilio, der den Bunkerbauten des Atlantik-Walls eine Studie gewidmet hat, sich auch hier engagiert.

Noever hofft hingegen, dass der Ort die Künstler inspiriert: Seine Idee ist, Künstler als "artists in residence" dazu zu gewinnen, vor Ort ihre Werke speziell für den Raum zu entwerfen und so in zehn oder zwanzig Jahren eine Sammlung aufzubauen, die, wenn man sie auf dem Kunstmarkt zusammenkaufte, unbezahlbar wäre. Zwei "Kunstinterventionen" hat er schon gewonnen: Die amerikanische Künstlerin Jenny Holzer mit einer Schriftinstallation auf der Fassade des Gebäudes, und den Lichtkünstler James Turrel, der auf eine Plattform des Flakturms eine "Skyspace Bar" einrichtet. Es könnte allerdings passieren, dass Bar und Restaurants mit ihrem grandiosen Rundblick auf Stadt und umliegende Hügel schnell zum Treffpunkt der Wiener Schickeria werden. Dann gäbe es statt Kontroversen und Kunst Cocktails im Bunker.

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