Kultur : Buntes Bauhaus

Farbräume: Eine Dessauer Ausstellung entdeckt Hinnerk Scheper

Michael Zajonz

In früheren Zeiten war es üblich, das Tafelsilber zu vergraben oder zu versenken, wenn Feinde nahten. Hinnerk Scheper, der erste Berliner Landeskonservator nach 1945, hat diese Form des Vermögenserhalts zur Vollendung geführt.

Als die Russen im März 1946 das im Tegeler Borsig-Hafen auf einem Lastkahn zwischengelagerte Reiterstandbild des Großen Kurfürsten von Andreas Schlüter zurückforderten (und man im Westen nicht so ganz genau einzuschätzen vermochte, wozu), ließ es Scheper kurzerhand versenken. Erst Ende 1949, als sich die politischen Fronten geklärt und die Grenzen verfestigt hatten, wurde das eigentlich nach Berlin-Mitte gehörende Denkmal aus dem Wasser geborgen, restauriert und schließlich vor dem Charlottenburger Schloss aufgestellt. Dort steht es noch heute.

Ein zweites Mal handelte der unkonventionelle Denkmalpfleger im Sommer 1954 nach diesem Muster: Die von Reinhold Begas und anderen Bildhauern des späten Kaiserreichs geschaffenen Figuren der Siegesallee im Tiergarten, von den Berlinern despektierlich Puppenallee genannt, ließ Scheper im Garten von Schloss Bellevue vergraben. Sie verschwanden zu ihrem Schutz, weil sie sonst, wie Scheper befürchtete, dem ahistorischen Zeitgeist im wiederaufbauwilligen West-Berlin zum Opfer gefallen wären. Erst 1979, über 20 Jahre nach Schepers Tod und mitten in der Nostalgiewelle, hat man die wilhelminischen Helden wieder ausgebuddelt.

Bekannt geworden war Scheper allerdings bereits während der zwanziger Jahre: als Leiter der Werkstatt für Wandmalerei am Dessauer Bauhaus. Ohne den gelernten Maler und Anstreicher wäre es dort wohl wesentlich eintöniger zugegangen. Denn seine differenzierten Farbkonzepte für die Dessauer Bauhausbauten, in Büchern unzählige Male abgebildet, sind auch realisiert worden – und zwar umfassender, als man lange vermutet hat.

Erst die Restaurierungen der letzten Jahre rückten das farbige Bauhaus-Bauen wieder ins Bewusstsein – und damit Schepers Lebenswerk.

Wenn ihm im Jahr seines 110. Geburtstages und 50. Todestages der Förderverein Meisterhäuser Dessau eine Ausstellung ausrichtet, dann ist ihr Ort, die Meisterhaus-Hälfte von Georg Muche, zugleich das Hauptexponat. Zwar konnte sich Scheper beim Farbanstrich der Meisterhäuser gegen die künftigen Bewohner, immerhin so exzentrische Künstlerkollegen wie Wassily Kandinsky und Georg Muche, nur bedingt durchsetzen. Doch 1927 zogen er und seine Familie in Muches freigewordene Haushälfte ein: natürlich erst, nachdem neu gestrichen worden war. Aus dem in Familienbesitz erhaltenen Nachlass sind nun auch die Esszimmermöbel der Schepers nach Entwürfen von Marcel Breuer zurückgekehrt. Erstmals würdigt die von der Schwiegertochter Renate Scheper kuratierte Ausstellung sowohl den Farbgestalter wie den Denkmalpfleger und Fotografen.

Als sich die Schließung des Bauhauses durch die Nazis abzeichnete, machte Scheper sein Hobby zum Beruf und arbeitete als Fotojournalist. Als er 1934 nicht in den Reichsverband der Deutschen Presse übernommen wurde, kam das einem Berufsverbot gleich. Scheper malte neue Wandbilder für Kantinen und Bahnhöfe, und restaurierte alte. Ein lebenslanger Quereinsteiger – und eine ziemlich moderne Biografie.

Meisterhaus Muche/Schlemmer, Dessau, bis 25. 11., Katalog 17,90 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben