Kultur : Buntes Traumland auf 120 Quadratmetern

Nora Sobich

Im Alessi-Shop endet die kantige Strenge der stilwerk-Architektur. Die italienische Designfirma hat auf 120 Quadratmetern ein buntes Traumland errichtet, ein phantastisches Spiel der Farben, Formen und Materialien, das minimalistisch und barock zugleich ist. Der Fußboden ist mit Platten aus Glaskies ausgelegt. Die schwarz gekachelte Decke schmücken bunte Bisazza-Mosaiken. Der postmodernen Verspieltheit sind die mit klaren Linien konstruierten Regale entgegengesetzt, deren helles, freundliches Gelb an den altmodischen Schick der fünfziger Jahre erinnert.

Deutschland sei für Alessi ein guter Markt, denn für die Deutschen spielten Küchenprodukte und die Gestaltung des Heims eine große Rolle, meint Alberto Alessi, der das Familienunternehmen, das 1921 von dem Metalldreher Giovanni Alessi in Oberitalien gegründet wurde, in der dritten Generation führt. Die Alessi-Haushaltswaren, die Mitte der achtziger Jahre zur Kultware junger Lebensart-Konsumenten wurden, gelten hierzulande nach wie vor als Statussymbol und Zeichen des gehobenen Geschmacks. In Italien seien Alessi-Produkte aber viel populärer, erzählt Alberto Alessi, was jedenfalls nichts mit dem Preis zu tun haben könnte, denn der Preis sei überall der gleiche.

Die Berliner "Wunderkammer" hat der Architekt und Designer Alessandro Mendini gestaltet. Er ist seit 1979 Design-Berater der Firma Alessi, hat auch das Privathaus "Haus des Glücks" von Alberto Alessi entworfen sowie die gemeinsam mit Philips hergestellten Toaster und Mixer in den sahnigen Pas-telltönen. Der neue Shop im stilwerk soll sowohl Verkaufsraum als auch Showroom sein. Die zehn wichtigsten Designer des Unternehmens, zu denen auch Michael Graves zählt, dessen berühmter Wasserkessel mit der vogelförmigen Flöte seit 1985 in unzähligen Küchen pfeift, haben eine eigene Regalfläche. Eine kleine Porträtaufnahme der Autoren, wie das Unternehmen seit Ende der fünfziger Jahre seine Designer nennt, ist fast wie im Museum auf den Regalen angebracht. Alessi-Design stellt sich in aller Vielfalt vor - nicht nur mit den klassischen Edelstahlgefäßen. Die kühl glänzenden Chromobjekte wie der berühmte Cocktail Shaker "Boston", der Obstkorb in Drahtdesign, das Tablett mit den abgerundeten Kanten von Ettore Sottsass oder Philippe Starcks langbeinige Zitronenpresse stehen neben technischen Geräten wie Taschenrechner, Wecker oder Tischradio, die seit 1996 im Sortiment sind.

Die Haushaltswaren jüngsten Datums wirken leichtfüßig und unbekümmert. New plastic nennt sich der neue Schreck. Die grünen und orangefarbenen Knoblauchpressen in Knochenform von Guido Venturi sind ungewohnt funny. Auch die knalligen Keksdosen von Stefano Giovannoni scheinen ein Gag. Klobürsten kriegen die Gestalt eines Kaktus. Mit den lustigen Figürchen "b.b. baby bathroom" sollen Kinder zum Zähneputzen animiert werden.

Für manche Produkte sei Plastik eben das sinnvollere Material, meint Alberto Alessi. So auch für das Küchensieb von Enzo Mari. Es ließe sich besser putzen, sei handhabbarer, leichter und auch billiger. In solchen Bereichen werde Plastik in Zukunft eine noch größere Rolle spielen: "Holz ist Holz, Kristall ist Kristall, Porzellan ist Porzellan, Metall ist Metall. Das, was sich verändert, ist Plastik." Plastikprodukte müssen aber nicht nur witzig sein. "Wir haben einige Designer, die in einer sehr minimalistischen Weise mit dem Material umgehen", sagt Alessi und zeigt auf die "Twin Salad Bowl", eine Art verdoppelter Deckel, den 1998 Jasper Morrison entworfen hat. Mit über 200 Autoren hat die Firma seit den fünfziger Jahren zusammenarbeitet. Die Liste der Designer ist ein "Who is Who" der Design- und Architekturgeschichte - Achille Castiglioni, Aldo Rossi, Norman Foster oder Ron Arad. Das Familienunternehmen versteht sich als "Traumfabrik", als ein "Labor der Forschung im Bereich der angewandten Kunst."

Mit dem 1990 gegründeten "Centro Studi Alessi" fördert die italienische Firma wie in den Bauhaus-Klassen junge, noch unbekannte Designer. Deutsche Designer haben bei Alessi nur mühsam Platz gefunden. Bekannt wurde vor allem Richard Sapper mit seiner Espressomaschine. Deutsches Design sei zu technisch, wie Alessi meint: "Sehr gut, aber sehr technisch orientiert."

Für das Alessi-Design spiele nicht nur die Benutzbarkeit der Produkte eine Rolle, sondern auch deren Ausstrahlungskraft, der poetische Gebrauchswert, die sinnliche Beziehung zwischen dem Objekt und dem Benutzer. Funktion will Alberto Alessi im weiten Sinn verstanden wissen. Sie umfasse nicht nur die Nützlichkeit, sondern auch die spirituelle Funktion, die ein Objekt einem bringen könne.

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