Kultur : Burgfrieden im Kloster

Günter Grass und die Jungen: das zweite Lübecker Literaturtreffen

Gerrit Bartels

Ohne die Erinnerung an die Gruppe 47 geht es einfach nicht. Günter Grass beschwört diese herauf, als er zum Abschluss des zweiten Schriftstellertreffens in Lübeck von der „Verstreutheit“ der Schriftsteller spricht, aus der sie seinerzeit Hans-Werner Richter mit seinen Gruppentreffen geholt habe. Und dann liest Grass aus seiner Autobiografie „Beim Häuten der Zwiebel“ eine Passage, die sich um sein Debüt bei der Gruppe 47 in Berlin dreht. Andächtig hört ihm das Publikum im Kulturforum des Lübecker Burgklosters zu, klar und deutlich spricht Grass die Sätze, und es ist immer wieder bewundernswert, wie gut er es beim Vorlesen versteht, die Konzentration hochzuhalten. Es hat andererseits aber auch viel Selbstgefälliges, wie Grass von sich in der dritten Person spricht („der Bildhauer, der glaubte, ein Dichter zu sein“) und er die erstmalige Begegnung mit Richter und den Seinen als eine Art Märchen erzählt, in dem natürlich auch sein vermeintlich einstiger Lagergenosse Joseph Ratzinger vorkommen muss.

Günter Grass, das wird an diesem Donnerstagabend in Lübeck deutlich, kann es nicht lassen, die Gruppe 47 zumindest als literaturgeschichtlichen Resonanzboden mitschwingen zu lassen, wenn er Schriftsteller und Schriftstellerinnen einlädt – nur um ansonsten alle Parallelen weit von sich zu weisen. Das war schon so, als sich im vergangenen Jahr erstmals eine Reihe von Autoren unter Grass’ Ägide und als Folge eines von ihm im Sommer initiierten Aufrufs für die damalige rot-grüne Koalition traf. Damals wies man darauf hin, mit den großen Vorgängern nichts zu tun haben und sich weder Satzung und Namen geben noch ein aktuelles, politisch-gesellschaftliches Manifest veröffentlichen zu wollen.Und das ist auch in diesem Jahr so, da zwar Eva Menasse und Michael Kumpfmüller wegen Krankheit verhindert sind, sich aber immerhin Thomas Brussig, Eleonora Hummel, Benjamin Lebert, Burkhard Spinnen, Jens Sparschuh und eben Grass eingefunden haben, um „einander von ihrer Arbeit zu berichten und handwerkliche Kritik zu üben“, wie Grass es vor dem Treffen sagte. Hatte man sich im Dezember 2005 noch auf einer eigenartigen Pressekonferenz vorgestellt und es dabei an Schelte für das missliebig-hämische Feuilleton nicht fehlen lassen, so findet dieses zweite „Lübecker Literaturtreffen“ gänzlich hinter verschlossenen Türen statt. Nur am Abend der öffentlichen Lesung im Burgkloster seien in den Pausen und danach Gespräche mit den Schriftstellern möglich, hieß es im Vorfeld. So gibt der 1956 geborene Burkhard Spinnen seiner Begeisterung Ausdruck, mit Günter Grass an so einem Treffen teilnehmen zu können, gerade da er von seiner frühesten Jugend an Grass gelesen habe; und es sei überhaupt etwas anderes, kritischen Kollegen neues Material vorzustellen als der eigenen Familie oder dem Lektor. Auch Jens Sparschuh und Eleonora Hummel sind angetan von der Atmosphäre: ganz ohne Kritiker, Verleger und Lektoren. Wie wohltuend es doch gewesen sei, im Günter-Grass-Haus über Fragen der Sprache zu diskutieren, über gelungene und weniger gelungene Metaphern oder über den Standpunkt des Erzählers! Wie sie da am Ende der Lesung von Grass gebeten werden aufzustehen und sie sich wie nach einer Theaterpremiere fast an den Händen halten, zeugt von einer seltsamen Harmonie quer durch die Generationen der 1982 (Lebert), 1970 (Hummel) oder 1965 (Brussig) geborenen Autoren. Von Wachablösung oder offener Konfrontation keine Spur, hier regiert „die mittlere Betriebstemperatur“ (Jens Sparschuh). Immerhin, das berichten die Beteiligten mal mehr, mal weniger verdruckst, sei es einen Nachmittag auch um Politisches gegangen, letztlich auch um Grass’ Waffen-SS-Bekenntnis. Burkhard Spinnen weiß um die Sehnsucht der literarischen Öffentlichkeit nach dem politisch engagierten Autor und gesteht, dass es diese Sehnsucht auch auf Autorenseite gebe. Aber zum einen könne man die Zeiten eines Böll oder Grass nicht mit der heutigen vergleichen, zum anderen, so Spinnen: „Auch bei zwei Liebenden gibt es eine große Sehnsucht zueinander, nur klappt es eben oft nicht“. Er werde sich jedenfalls demnächst wieder an einem Text über die „Möglichkeit des Politischen als Schriftsteller“ versuchen.

Jens Sparschuh wiederum sagt, es sei darum gegangen, „die Wirklichkeit einzukreisen“, darum, wie man „Zwischentöne“ setze: „Dass man sich morgens hinsetzt und ein Gedicht schreibt, nur um der Ästhetik willen, und nachmittags dann einen knallharten politischen Aufruf, das geht heute nicht mehr, das ist offensichtlich“. Und Benjamin Lebert bringt schließlich das Verhältnis der jüngeren Schriftsteller zu Grass auf den Punkt: „Auch hinter einer moralischen Instanz steckt für mich zuallererst ein Mensch, und der muss nicht automatisch eine weiße Weste haben“. Die Gruppe scheint sich also auch in Fragen der politischen (Nicht-)Einflussnahme einig zu sein. Sie hat das Politische diskutiert, ohne konkreter zu werden.

Und sie hat sich trotzdem auf ihr Kerngeschäft konzentriert: das Handwerk der Literatur. So wie es Eva Menasse letztes Jahr auf die Frage nach dem Ziel der Reise beantwortete: „Bis ans Ende des Textes“. Ob das für einen Eintrag in die Literaturgeschichtsbücher reicht, ja, ob das überhaupt zu einer automatischen Fortsetzung der Lübecker Literaturtreffen führt, darf getrost bezweifelt werden. Vielleicht aber kommt es demnächst zu einem gewaltigen Ausstoß brillanter Romane.

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