Kultur : Burgfrieden

Vermittler, Manager, Regisseur: Matthias Hartmann wird ab 2009 das Wiener Burgtheater leiten

Christina Kaindl-Hönig

„Mögen andere Länder Krieg führen, du glückliches Österreich heirate“ – frei diesem altmonarchistischen Habsburger-Motto folgend, hat Österreichs Kunst-Staatssekretär Franz Morak gestern den neuen künstlerischen Leiter des Wiener Burgtheaters ab der Spielzeit 2009/2010 bekannt gegeben. Matthias Hartmann, der seit dem Vorjahr das Schauspielhaus Zürich leitet, wird ab 1. September 2009 Klaus Bachler beerben, der bereits ab 2008/2009 den Direktionsposten an der Bayerischen Staatsoper in München antreten und in dieser Saison als Doppelchef in Wien und München agieren wird.

Durch den angekündigten Abgang Bachlers sah sich die österreichische Bundesregierung, der im kommenden Herbst Wahlen bevorstehen, zu einer verfrühten Vergabe der Leitung des größten österreichischen Theaterbetriebs gezwungen. Für diejenigen, die mit Hartmann das Burgtheater als „geschützten Raum“ betrachten, mag seine Wahl ein Aufatmen bedeuten: Mit künstlerischer oder gar politischer Ruhestörung ist kaum zu rechnen. Der Burgfriede scheint gesichert.

Es ist eine konservative, das kaufmännische und vor allem künstlerische Risiko doch eher vermeidende Entscheidung: Matthias Hartmann entspricht dem Kurs, den Klaus Bachler nach der turbulenten und politisch agilen Ära Claus Peymann durch sein konfliktvermeidendes Management eingeführt hat. Einen „zielgerichteten Vielarbeiter“ nennt Franz Morak den 43-Jährigen, der eine kaufmännische Lehre absolvierte, ehe er in Kiel, Mainz und Wiesbaden seine ersten Inszenierungen vorlegte. Es folgten Arbeiten in Hannover, München und Wien, wo er am Burgtheater in den Neunzigerjahren mehrmals inszenierte. Bis 2005 leitete Hartmann das Schauspielhaus Bochum, dessen Zuschauerzahlen er fast verdreifachte. Unter dem Motto „Theater muss ein ständiger Aufbruch sein“ übernahm er ab der Spielzeit 2005/06 die Leitung des Schauspielhauses Zürich, das er für Wien nun ein Jahr früher als vertraglich vereinbart verlassen wird.

Hartmann gilt als Vermittler, glättete die Wogen nach der künstlerisch heißen Intendanz Marthalers und versöhnte die Zürcher mit geschäftsführerischem Qualitätsmanagement und ästhetisch kalkuliertem Handwerk: eine künstlerische Zurückhaltung, der exquisites Design weit näher steht als ein anarchischer Konfrontationskurs.

Eine Charakteristik, die ebenso gut zur diesjährigen Burgtheater-Saison passt: Handwerklich zum Großteil tadellos gestrickte Inszenierungen, die jedoch dem tieferen Gehalt der Stücke in den wenigsten Fällen zu wirklich überzeugendem, ästhetisch gegenwärtigem Ausdruck verhalfen. Da gab es spektakulären Aktionismus von Hermann Nitsch und Christoph Schlingensief, deren „Orgien-Mysterien- Theater“ und „Area 7 – Matthäus-Expedition“ wohl eher in die Annalen der bildenden Kunst als des Theaters eingehen werden. Daneben stand versöhnlicher Naturalismus von Thomas Langhoff über Karin Beier bis Luc Bondy, der mit der Musikalität von Jon Fosses „Schlaf“ ebenso wenig anzufangen wusste wie die jüngere Regiegeneration von Christiane Pohle bis Friederike Heller mit Uraufführungen von Gert Jonke und Anja Hilling.

Als Tiefpunkte der Saison müssen Stephan Kimmigs eindimensionaler „Torquato Tasso“ und Igor Bauersimas modisch-flache Selbstinszenierung von „Boulevard Sevastopol“ genannt werden. Martin Kušejs Version von Grillparzers „König Ottokar“ (eine Koproduktion mit den Salzburger Festspielen 2005) bildete den Höhepunkt der Saison. Seine Fassung überspannte zwar den Bogen zwischen feudaler Zeitenwende und moderner Kapitalismuskritik, doch öffnete sie gleichzeitig den Blick in den Abgrund österreichischer Identität, der Grillparzer mit seinem „Nationalstück“ ein kritisch-widerständiges Denkmal setzte. Tu felix austria: Mit Matthias Hartmann wird die theatrale Revolution in Wien fürs Erste aufgeschoben zugunsten des politischen Scheinfriedens.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben