Burghart Klaußner im Berliner Tipi : Süßes Frankreich

Leichtigkeit ist Schwerstarbeit: Burghart Klaußner singt Chansons von Charles Trenet im Tipi am Kanzleramt.

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Musik ist die Hauptsache. Burghart Klaußner.
Musik ist die Hauptsache. Burghart Klaußner.Foto: Martin Steffen/Promo

Mehr Singen, mehr Abheben, mehr Sich-Vergessen. Das bräuchten Kunst und Kultur hierzulande, hat Burghart Klaußner neulich im Tagesspiegel-Interview erzählt. Das war kurz vor der diesjährigen Verleihung des Deutschen Filmpreises, wo „Der Staat gegen Fritz Bauer“, in dem er die Hauptrolle spielt, sechs Lolas abräumte. Der im Kino auf ernste Rollen abonnierte Charakterkopf selbst geht dafür als Sänger schon seit einigen Jahren bei den Franzosen in die Lehre, die sich auf die Kunst des leichtfüßigen Lebens bekanntlich besser verstehen als Deutsche.

Und wie er da so am Montagabend – nach eigener Aussage zum ersten Mal überhaupt – auf der Bühne des Berliner Tipis am Kanzleramt steht, ist offensichtlich, warum. Leichtigkeit ist Schwerstarbeit. Selbst wenn einem eine solide fünfköpfige Band, eine facettenreiche Gesangsstimme und eine verschmitzte Physiognomie zur Verfügung stehen. Und die musikalische Vorlage die mal heiteren, mal melancholischen und stets überaus eleganten Lieder des wunderbaren Charles Trenet sind.

Er hat französisches Chanson und amerikanischen Swing versöhnt

Trenet, das war der Mann, der das französische Chanson in den dreißiger und vierziger Jahren mit dem amerikanischen Swing versöhnte und Welthits wie „La Mer“ geschrieben hat. Ein Künstler, „so weltberühmt, dass ihn in Deutschland keiner kennt“, wie Burghart Klaußner bemerkt, der in die Anmoderationen und Liedübersetzungen auch biografische Splitter streuselt. Über Trenets verheimlichte Homosexualität, seine angebliche Kollaboration mit den deutschen Besatzern. „Er war ein Scheidungskind, ich bin das auch. Und das ist nicht lustig, da muss man sich retten.“ Schon mit zehn Jahren hat Trenet sein erstes Chanson geschrieben, dem viele hundert folgen. Es ist Musik als bittersüßes Überlebensmittel, nicht nur als sonniger Ausdruck von Lebensfreude. Die aber auch, und das nicht zu knapp.

Mit der Eingangsnummer „Douce France“, Süßes Frankreich, setzt Klaußner dann auch gleich eine solidarische Botschaft an die von Terroranschlägen heimgesuchte Grande Nation ab. „Wir bestätigen euch in eurem verrückten Französischsein.“ Dem folgt mit „Je chante“ das Bekenntnis eines Landstreichers, durch den Gesang so frei zu sein, dass selbst der Hunger nicht mehr drückt. Auch für ihn ist die Musik eigentlich die Hauptsache. Der 1949 in Berlin geborene Hamburger singt in anderthalb Stunden von alten Lieben, blauen Blumen, frivolen Damen, erzählt von seinem Klassentreffen, davon, wie er hier mal neben Otto Sander im Gestühl saß und weinen musste, als Max Raabe und Thomas Quasthoff „In einem kühlen Grunde“ sangen. Immer wieder mutiert der Plauderer zur Plaudertasche: „Wenn ich zu viel rede, sage ich zu mir ,Halt’s Maul‘.“ Ja, nur hört er nicht drauf, was den Abend durchaus Esprit kostet.

Viel heiterer ist, wie der mit Feuer und Sentiment gesegnete Sänger zu Beginn eines jeden der knapp zwanzig Chansons die steifen Hüften locker macht. Rührend, dieser Kampf um Schwerelosigkeit. So vergeblich wie die Angriffslust eines Tennisspielers, der an der Grundlinie den übermächtigen gegnerischen Aufschlag erwartet.

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