Kultur : Bush, der Entscheider

Rechtfertigungsbuch: Der 43. Präsident der Vereinigten Staaten hat die Geschichte seiner Amtszeit geschrieben

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Autobiografien ehemaliger Staatsmänner sind selten Manifeste der Selbstkritik. Sie wollen erklären, warum und wie sie ihre Entscheidungen getroffen haben. Im besten Fall erfährt der Leser nebenbei, ob sie die Gegenargumente im Blick hatten und welches Gewicht sie ihnen beimaßen. Auch George W. Bushs Memoiren über seine achtjährige Amtszeit sind vor allem ein Rechtfertigungsbuch. Es bietet die Gelegenheit, die Welt und die bahnbrechenden Ereignisse zwischen Jahresbeginn 2001 und Ende 2008, vom Terrorangriff auf Amerika bis zum Beinahe-Kollaps des Weltfinanzsystems, mit seinen Augen zu sehen.

In den knapp 500 Seiten tritt uns ein Mann gegenüber, der durchaus abwägen und die Geduld aufbringen kann, Entscheidungen aufzuschieben, wenn die Umstände oder seine Partner das erfordern. Er ist aber kein Grübler und auch nicht von selbstzweiflerischen Bedenken geplagt. Selbstbewusst führt er vor, dass er komplexe Sachverhalte auf die aus seiner Sicht wichtigsten drei, vier Punkte reduzieren könne und so zu klaren und oft auch raschen Entscheidungen fähig sei.

„I made a decision …“ ist der wohl am häufigsten wiederkehrende Satz. Den intellektuellen Ehrgeiz, zu beweisen, dass ihm noch ein Dutzend weiterer Aspekte bewusst gewesen und in seine Abwägung eingeflossen seien, stellt er nicht zur Schau. Da ist Bush anders gestrickt als ein Bill Clinton oder ein Barack Obama, die gerne damit glänzen, dass sie die großen Themen bis in die Detailebene im Griff haben. Freilich ist er auch nicht der tumbe Hinterwäldler, als der er bisweilen in Europa verspottet wurde. Das zeigt sich in der Beschreibung jener Phasen, in denen die Entwicklung seinem Weltbild zuwiderläuft: Nach der Befreiung der Iraker stellen sich nicht alsbald die Segnungen einer freiheitlichen Gesellschaft ein; der Sturz der Diktatur führt zunächst zu noch mehr Mord und Totschlag.

Oder in Momenten, in denen er sich gezwungen sieht, gegen seine ideologischen Überzeugungen und die seiner Partei zu handeln. „Der Markt hatte aufgehört zu funktionieren“, schreibt er über den September 2008. Bush folgte dem Rat seiner Finanzexperten „entgegen allen meinen Instinkten“: Er rettete Banken mit Steuergeldern, er verstaatlichte den größten Versicherungsriesen der Erde und zwei Autokonzerne obendrein.

„Ich habe mich geirrt.“ Auch dieser Satz ist öfter zu finden, als viele ihm wohl zugetraut hätten. Bush sieht sich als pragmatischen Manager, der zur Selbstkorrektur fähig ist. In solchen Momenten fällt er bittere Urteile über seine Partei und ihr opportunistisches Zurückweichen vor dem befürchteten Zorn der Wähler. Sie lässt ihn bei seinem Rettungspaket gegen die Finanzkrise ebenso im Stich wie zuvor bei den Versuchen zur Reform des Einwanderungsrechts sowie der staatlichen Grundrente und Krankenversicherung für Pensionäre, die wegen des demografischen Wandels zur Haupttriebkraft des Budgetdefizits geworden sind. Da geht Bush mit den Republikanern ähnlich hart ins Gericht wie in anderen Situationen mit den Demokraten. Über seinen Nachfolger Obama findet sich kein negatives Wort – mit Ausnahme eines kleinen Seitenhiebs auf einen namentlich nicht genannten „jungen Senator“, der der Truppenverstärkung im Irak von vornherein jede Erfolgschance absprach. Im Rückblick gilt sie als der Wendepunkt zur Befriedung; Obama bemüht sich nun, sie in Afghanistan zu kopieren.

„Decision Points“ („Momente der Entscheidung“) ist keine chronologische Schilderung der Präsidentschaft. Bush versucht sich an einer Analyse des eigenen Charakters und der Motive, die ihn antreiben. Seine Darstellung gliedert er in 14 Abschnitte mit Themenschwerpunkten: wie er zu Gott fand und das Trinken aufgab, dann die Prinzipien seiner Personalpolitik und ethische Fragen wie die Stammzellforschung; es folgen Kapitel über 9/11, die Kriege in Afghanistan und Irak, seine Schulpolitik, das Versagen bei der Katastrophenhilfe nach Hurrikan Katrina, die Hilfsprogramme gegen Aids in Afrika, seine „Freedom Agenda“ und die Finanzkrise.

Mitunter führt das zu etwas willkürlichen Zuordnungen. Der Folterskandal von Abu Ghraib wird, zum Beispiel, nicht im Irak-Kapitel behandelt, sondern im Kontext der Personalpolitik, weil er Anlass für das erste Rücktrittsangebot von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld war. Ein 15-seitiges Stichwortverzeichnis hilft freilich bei der Suche nach einzelnen Personen und Situationen.

Indirekt teilt sich mit, wer oder was Bush beeindruckt hat – und was ihn abstößt. Den Konflikt mit Gerhard Schröder über den Irakkrieg handelt er lakonisch ab; die wenigen Zeilen taugen kaum als Basis für eine große Kontroverse. Bush behauptet gar nicht, dass Schröder ihm militärischen Beistand im Irak versprochen habe. Er selbst habe zugesagt, der Diplomatie eine Chance zu geben und den Militärschlag als letzten Ausweg zu betrachten – und Schröder so verstanden, als gebe der ihm sein Wort, ihm nicht politisch in den Rücken zu fallen. Genau das habe der Kanzler jedoch im Bundestagswahlkampf getan. Bush dankt Schröder für dessen Afghanistanpolitik, lässt aber auch seine Verachtung durchblicken dafür, dass der sich gleich nach dem Ende der Kanzlerschaft bei Gazprom verdingte.

Charakterfragen sind für Bush Vertrauensfragen. Nachdem Arafat ihn belogen hat über sein Wissen über Waffenschmuggel nach Gaza, verliert er den Glauben, dass Arafat willens sei, Frieden mit Israel zu schließen. Die ehrliche Auskunft, was ein Partner zusagen kann und was nicht – samt der Verlässlichkeit – steht bei ihm hoch im Kurs. Mit Chinas Führern kommt er zurecht. Das Verhältnis zu Putin ist vielschichtig. Die Schilderung der Hundevorlieben – stolz urteilt Putin, sein schwarzer Labrador Koni sei „größer, stärker und schneller“ als Bushs Terrier Barney – sagt mehr als lange Analysen.

Sensationen bietet das Buch nicht. Es ist lesbar und unterhaltsam. Bush lässt peinliche Momente nicht aus wie die Festnahme wegen Alkohol am Steuer. Oft beweist er Humor. Er ist nun ein Pensionär, der mit dem Hund in Dallas Gassi geht und mit einem Plastiksäckchen die „Sch …“ einsammelt: „das Zeug, das ich als Präsident zu vermeiden suchte“. Er weiß, es ist ihm nur begrenzt gelungen.











– George W. Bush:
Decision Points. Crown Publishers, New York 2010. 497 Seiten, 18,95 Euro.

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