Kultur : Bush kann sich keinen zweiten Feldzug leisten

Er liebt Helden: Filmregisseur Oliver Stone über Amerika nach dem Irakkrieg und die Gegner des Präsidenten

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Mister Stone, nächste Woche beginnt offiziell die zweite Amtszeit von George W. Bush. In Europa hat man den Eindruck, dass die Kritiker nach seinem Wahlsieg still geworden sind.

Es ist ruhig, möglicherweise die Ruhe vor dem Sturm. Amerika fehlt die Kultur des Debattierens. Auch die Medien berichten konformistisch, kochen lauter unsinnige Informationen hoch. Sie nehmen lokale Mordund-Totschlag-Geschichten viel wichtiger als die Weltpolitik.

Sie gelten als scharfer Bush-Kritiker, aus dem Wahlkampf haben Sie sich aber herausgehalten.

Ich habe die vergangenen drei Jahre kaum in den USA verbracht, sondern in Hotelzimmern irgendwo auf der Welt: in Bangkok, Casablanca, Paris. Dort drehte und schnitt ich meinen Film „Alexander“. Nur alle paar Wochen habe ich meine Frau und meine kleine Tochter in Los Angeles besucht. Im Herbst war ich wieder in den USA, um „Alexander“ vorzustellen. Was micht geärgert hat: Die Medien haben sich auf das homosexuelle Verhältnis von Alexander zu Hephaistion gestürzt. Ansonsten haben sie den Film ignoriert. Eine christliche Zeitung kritisierte, die homoerotischen Stellen könnten junge Männer zur Homosexualität verführen. Das entspricht der Stimmung vor der zweiten Amtszeit Bush.

Mit „JFK“, „Nixon“ und „Geboren am 4. Juli“ haben Sie amerikanische Geschichte für das Kino inszeniert. Ihre neuen Filme spielen außerhalb der USA: „Alexander“ im Mittleren Osten und „Comandante“, der am Donnerstag anläuft, in Kuba...

...ich liebe „Comandante“ ...

...ein Dokumentarfilm über Fidel Castro…

...ich wollte unbedingt, dass er in Amerika zu sehen ist, aber es ist mir nicht gelungen. Ich habe den Film für den Pay-TV-Sender HBO produziert, aber HBO ist vor der politischen Lobby eingeknickt, die Castro hasst.

Es heißt, dass Sie mit Castro sehr unkritisch umgegangen sind.

Ich wollte Castro nicht anklagen, ich wollte mit ihm reden…

…um was zu erfahren?

Ich wollte die Chance nutzen, eine weltbekannte Persönlichkeit in betagtem Alter zu interviewen. Ich schätze Castro als einen Mann, der für seine Prinzipien lebt. Obwohl er 78 Jahre alt ist, ist er in Krisen immer noch als erster vor Ort. Und im Gegensatz zu allen anderen starken Führern Lateinamerikas hat er nie Geld für sich selbst abgezweigt, Castro versteht sich als Diener der Revolution.

Ihnen wird häufig vorgeworfen, Ihre Figuren zu verklären: Zum Beispiel bei Ihrer Dokumentation über Jassir Arafat, jetzt bei Castro und auch bei „Alexander“…

….ich weiß, die „New York Times“ hat geschrieben, ich würde ein Monster streicheln. Aber ich bin kein Historiker, sondern Dramatiker, und deshalb interessiere ich mich für die Psyche meiner Figuren. Historiker trauen sich das nicht, es ist ihnen zu spekulativ. Ich will Geschichten im Sinne des klassischen griechischen Dramas erzählen. Dass sich die Götter den Ruhm, den sie jemandem geben, wieder zurücknehmen. Dass das, was einen Menschen groß macht, auch zu seinem Sturz führt. Der gefallene Held.

Was macht für Sie einen Helden aus?

Es ist jemand, der auch gegen das Schicksal aufbegehrt, etwas erreichen will, auch wenn er am Ende scheitert.

Ihnen geht es immer um Größe.

Nein. Alle, die ihren Job mit Bedacht machen, sind für mich Helden. Um durch sein Leben zu kommen, Tag für Tag, braucht man eine Philosophie, vor allem wenn man älter wird, denn das Leben nutzt einen ab, jeden von uns.

Gibt es einen amerikanischen Politiker, der für Sie ein Held ist?

Kennedy. Er war enorm talentiert, gleichzeitig mit großen Bürden belastet. Er war krank, und er erbte als Präsident ein System, das viel schlimmer war, als er dachte: Erst im Präsidentenamt erfuhr er zum Beispiel von der Schweinebucht-Affäre. Im dritten Jahr seiner Präsidentschaft änderten sich Kennedys Reden und Taten plötzlich, er war niedergestreckt von seinen Feinden. Das ist seine Tragödie.

Glauben Sie, dass George W. Bush als Held in die Geschichte eingehen kann?

Erst im Nachhinein erkennt man einen Helden. Wenn er seinen „Krieg gegen den Terror“ im Orient gewinnt, wird Amerika in gewisser Weise ein neues Rom, und er wird womöglich zu George dem Großen. Es gibt da diese frappierende Parallele zwischen Alexander dem Großen und Amerikas Gegenwart, die erstaunlicherweise kein amerikanischer Journalist gezogen hat. Als wir den Film drehten, zogen plötzlich dieselben Konflikte wieder herauf wie vor 3000 Jahren, es war unglaublich: Amerika führt in derselben Region Krieg wie Alexander der Große, um ein Imperium zu begründen. Bloß sind die Ziele heute andere. Amerika geht es nur ums Öl. Wir konsumieren die Energie der Erde, das ist imperialistisch. Alexander war kein Imperialist, er hat in seiner Welt den Frieden gesichert, so dass Handel und Wohlstand entstehen konnten.

Wird Bush seinen kompromisslosen Kurs in der zweiten Amtszeit weiterführen? Scharfe US-Präsidenten sind in der Regel nach der Wiederwahl milder geworden.

Nixon ist etwas milder geworden, Reagan auch. Bis 1986 war Reagan ein Terrorist. Er schickte Soldaten nach Nicaragua und ließ dort ganze Familien töten. Erst der Oliver-North-Skandal brach ihm das Kreuz…

…als herauskam, dass die USA geheime Waffenlieferungen an den Iran für Schwarzgeldzahlungen an die Contras in Nicaragua benutzten...

…Bush wird sein Tempo nicht halten können, weil im Irakkrieg kein Ende in Sicht ist. Er kann sich keinen zweiten oder dritten Feldzug leisten. Er wird, glaube ich, auch das Ausland nicht weiter provozieren. Er hat schon genug Gegner.

Könnten Sie sich Bush als Figur für einen Ihrer historischen Spielfilme vorstellen?

Seine Geschichte ist noch zu frisch, sie entwickelt sich noch. Eines muss ich ihm anrechnen: Er hat so viel Kritik abbekommen, dass jeder, den ich kenne, einschließlich mir selbst, darunter zusammengebrochen wäre. Bush nicht, er ist sehr resolut und hat wenig Selbstzweifel.

Ihnen wird ein Hang zu Verschwörungstheorien nachgesagt, da müsste Sie doch der Familien-Clan der Bushs interessieren. Der Vater, der Geschäfte mit der Familie bin Laden gemacht haben soll. Der Bruder Jeb, der in Florida regiert, wo George W. durch eine fragwürdige Stimmenauszählung erst zum Präsidenten wurde.

Kennen Sie den Film „The Manchurian Candidate“? Da will eine Mutter ihren Sohn mit allen Mitteln ins Präsidentenamt bringen. Die Mutter, eine echte bitch, ist meiner Meinung nach Barbara Bush. Ihr Ehemann ist der schwächliche George senior. George W. ist der Sohn, der das Präsidentenamt übernimmt. Er ist der Manchurian Candidate. So hätte ich den Film gemacht. Es wäre mal etwas Neues gewesen: Barbara Bush als die Böse. Das geht in Amerika natürlich nicht.

Sie sagten einmal, dass Sie nach Ihrem kommerziellen Misserfolg von „Nixon“ keinen Film über amerikanische Zeitgeschichte mehr finanziert bekämen.

Das ist es nicht. Ich finde nur, Amerika ist zu selbstzentriert geworden. Es geht immer ausschließlich um unsere Interessen. Viele Amerikaner verstehen nicht, dass wir ein Planet sind.Das Gespräch führte Barbara Nolte.

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