Kultur : Bushs Bombing

Eine

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von Marius Meller

Wir seien „Monaden“, sagte der Philosoph G. W. Leibniz (1646 – 1716), und zudem „fensterlose“ Monaden! Jede Monade sei dennoch ein „immerwährender lebendiger Spiegel des Universums“, insgesamt hielten wir Monaden uns in einem System „prästabilierter Harmonie“ auf und lebten somit in „der besten aller möglichen Welten“. Die Fensterlosigkeit von uns Monaden muss, seit wir Windows haben, als widerlegt gelten. Die Sache mit dem „Spiegel des Universums“ darf als bestätigt angesehen werden, seit wir googeln können. Am Theorem von der besten aller Welten zweifeln wir immer noch, obwohl wir einen so tatkräftigen US-Präsidenten haben. Leibniz’ dänischer Philosophenkollege Sören Kierkegaard (heute 150. Todestag, s. S. 26) meinte, wir wohnten in einem Jammertal, müssten „am Ganzen verzweifeln“ und durch unser Scheitern zum „Sprung in den Glauben“ ansetzen – der Beginn der sog. Existenzphilosophie.

Irgendwo zwischen Leibniz und Kierkegaard haben wir den Philosophen George W. Bush anzusiedeln. Wenn dieser bekannte Washingtoner Eremit – leicht verstimmt, weil ihn die „New York Times“ soeben im Editorial als „das zentrale Problem“ der USA und „des Rests der Welt“ erkannt haben will (Antiamerikanismus?) – sein Windows hochfährt, Google aufruft und den existenzphilosophischen Zentralbegriff „Scheitern“ (auf Englisch: failure) eingibt, dann erscheint an erster Stelle: sein offizieller Lebenslauf von der Homepage des Weißen Hauses. Und das, obwohl dort das Wort failure nicht einmal vorkommt! Wie das?

Das nennt man auf Computersprache „Google bombing“: Die Computer-Community schließt sich in einer Großaktion zusammen und setzt Links auf Webseiten, in denen „failure“ und Bushs Lebenslauf frech verbandelt sind.

Für alle echten Freunde der nordamerikanischen Demokratie fällt dieses Phänomen – die Abstimmung mit der Maus, das virtuelle Bush-bombing – unter das altehrwürdige Prinzip checks and balances, das alle optimistischen Monaden schon seit jeher unter dem sperrigen Namen prästabilierte Harmonie zutiefst verehren.

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