Kultur : Buße und Versöhnung

Respekt, aber auch Kritik: das Holocaust-Mahnmal im Spiegel der internationalen Presse

Bernhard Schulz

„Ein Denkmal für sie allein“, überschrieb die Pariser Tageszeitung „Libération“ ihren ganzseitigen Artikel über Lea Rosh. Die Berliner Korrespondentin des linksliberalen Blattes gab die Kontroversen, für die Lea Rosh über die Jahre gesorgt hat, in aller Deutlichkeit wieder. Damit bildet „Libé“ eine Ausnahme im Chor der internationalen Presse, die sich, dem Anlass der Eröffnung des Holocaust-Mahnmals gemäß, eher zurückhaltend äußerte.

So schrieb „Le Monde“, das meinungsführende französische Blatt, das Denkmal müsse „beweisen, dass es sich in den umgebenden Stadtraum integrieren“ könne, „ohne Aggressionen zu provozieren oder aber der Gleichgültigkeit anheim zu fallen“. Im Bericht über die Einweihungsfeier gab der Korrespondent mit spürbarer Anteilnahme die bewegte Stimmung bei der Ansprache der Holocaust-Überlebenden Sabina van der Linden wieder.

„In den 15 Jahren seit dem Fall der Berliner Mauer und der Wiedervereinigung Deutschlands“, heißt es in der „New York Times“, habe „die Nation darum gerungen – schmerzlich und bisweilen defensiv –, mit ihrer NaziVergangenheit ins Reine zu kommen.“ Die zustimmende Beschreibung des Denkmals mündet in den Appell, dass „unsere gemeinsame Verantwortung weder ignoriert noch angenehm beiseite gestellt werden“ könne; „die Bedrohung eines Holocausts“ bleibe „eine Tatsache in vielen Teilen der Welt“. Im Bericht über die Einweihung wies die Zeitung auf die Meinungsverschiedenheiten mit Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde hin und zitierte Paul Spiegel, das Denkmal sei „unvollständig“ und nehme eine „Hierarchisierung der Opfer“ vor.

Auch die „Washington Post“ erwähnte gleich im ersten Satz ihres Berichts, dass „Uneinigkeit sogar bei der Eröffnung sichtbar wurde“: „Die Debatte flammte erneut auf, als Paul Spiegel sagte, das Mahnmal versäume, die Hauptfrage zu stellen“, nämlich die nach dem Ausbruch der Barbarei in einer zivilisierten Gesellschaft. Die „Chicago Tribune“ erwähnt ebenfalls den Missklang, urteilt jedoch, „60 Jahre nach Auschwitz“ entbiete „Deutschland der Welt eine schlichte, aber dramatische Geste öffentlicher Buße“.

Im britischen „Guardian“ schreibt der Osteuropa-Historiker Timothy Garton Ash, die Denkmals-Eröffnung „im Herzen Berlins“ spreche für die „große Mehrheit der heutigen Deutschen. Sie ringen um die richtige Balance zwischen der kollektiven Verantwortung für die Nazi-Vergangenheit und dem angemessenen Respekt für die Leiden ihrer eigenen Mitbürger, einschließlich derer, die durch anglo-amerikanische Bombenangriffe getötet oder durch Russen und Polen aus ihrer Heimat vertrieben wurden.“

In Russland blieb das Echo auf die Denkmalseröffnung – wohl auch wegen der Moskauer Siegesfeier – eher spärlich. Der Radiosender „Echo Moskwy“ setzte sich mit den politisch-moralischen Aspekten des Holocaust-Denkmals auseinander. Selbst Putin – so der Chefkommentator des Senders – finde, Deutschland habe sich „genug Asche aufs Haupt gestreut“. Mit dem Denkmal bewiesen die Deutschen jedoch – so der Kommentator –, dass sie fähig und willens seien, auch die schwierigsten und dunkelsten Kapitel ihrer Geschichte aufzuarbeiten, um Wiederholungen auszuschließen. In Russland hingegen fehle bisher nicht nur die Aufarbeitung, sondern über weite Strecken auch die Reue über die Verbrechen, die während der Stalin-Zeit begangen wurden. Diesen Opfern sei bis jetzt kein würdiges Denkmal gesetzt worden.

Die größte polnische Zeitung, „Gazeta Wyborcza“, schrieb, für die Deutschen sei die Erinnerung an die Opfer des Nazi-Regimes „zur Zeit die wichtigste“. Dazu hob die Zeitung die Teilnahme der Jungen Deutsch-Polnischen Philharmonie Niederschlesien an der Eröffnungsfeier als „Zeichen der Versöhnung zwischen beiden Völkern“ hervor. In der tschechischen Presse wurde indessen die 17-jährige Dauer der Denkmalserrichtung gerügt: „Das Denkmal wird Wirklichkeit zu einem Zeitpunkt“ – so die Zeitung „Dnes“ –, „da die Generation der Zeitzeugen ausstirbt“. Auch wird die alleinige Widmung an die jüdischen Opfer bei Ausschluss anderer Opfergruppen kritisiert.

Der österreichische „Standard“ bezeichnete das Mahnmal als Ergebnis eines „enormen kollektiven, höchst politischen und sehr spät doch noch gemeisterten Kraftaktes“. Die Wiener „Presse“ schließlich nannte die Wahl des Bauplatzes in der Nähe von „Hitlers Bunker“ pointiert eine „triumphale Geste der Nachwelt“.

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