Kultur : Butt bei die Fische

Marius Meller interviewt Marcel Reich-Ranicki

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Bei Günter Grass speist man: „gekochte Rinderbrust mit grüner Soße (…). Und vorher Fisch: Butt natürlich.“ Es gibt Kuttelnsuppe, Blutwurst, Grünkohl, Schmalzbrot und Kümmel. Und Schnaps. Günter Grass widerlegt die Irrlehre vom bösen Cholesterin. Hochverdient erhielt der Nobelpreisträger gestern den Eckart-Witzigmann-Preis der ehrenwerten Deutschen Akademie für Kulinaristik in der Kategorie Literatur, Wissenschaft und Medien. Die baden-württembergische Landesregierung, die Trägerin der Akademie, erklärte, Grass habe sich wie kein anderer in zahlreichen Texten und Zeichnungen um das Kulturthema Essen verdient gemacht, besonders mit dem Weltroman „Der Butt“. Die Akademie hat unter kulinaristischen wie auch unter literaturwissenschaftlichen Gesichtspunkten Recht. Im „Butt“ wie bereits im Theaterstück „Die bösen Köche“ von 1957 und in vielen anderen Büchern spielen Köche und vor allem Köchinnen eine große Rolle. Grass ist nicht nur Frauenrechtler, wenn er im „Butt“ das Ende des Matriarchats beklagt und nach der Männerherrschaft ein „drittes Zeitalter“ anbrechen lassen will. Sondern auch Metaphysiker, denn der Kosmos ist aus einer universalen Ursuppe hervorgegangen, vielmehr: hervorgekocht worden.

Sein größter Kritiker (aber auch Verteidiger) Marcel Reich-Ranicki zeigte sich in seiner Autobiografie „Mein Leben“ fasziniert, aber leicht skeptisch gegenüber Grass’ Kochkünsten: Als der Schriftsteller ihn 1973 zum Essen einlud, irritierte den Geladenen die schlechte Erinnerung an eine 1965 von Grass gekochte Suppe. „Doch zum Beruf des Kritikers gehört Mut.“ Das Essen sei „qualvoll, aber auch genussreich“ gewesen, „gefährlich und schmackhaft zugleich“.

Dem Tagesspiegel sagte Reich-Ranicki nun, dass er den mit dem WitzigmannPreis Geehrten auch in seinem Lyrik-Kanon angemessen berücksichtige. Bekanntlich schätzt Reich-Ranicki die Lyrik Günter Grass’ außerordentlich. Ob man sein Lieblingsessen erfahren dürfe? Rührei. Mit Spinat? „Nicht unbedingt mit Spinat. Aber wenn Spinat dabei ist, dann soll’s auch gut sein.“ (Lacht.) Außerdem möge er noch weiche Eier im Glas und Wiener Schnitzel.

Im Mai 1973 speiste Reich-Ranicki bei Grass übrigens Suppe und Fisch: „Um es kurz zu machen: Ich hasse und fürchte Gräten. Bis dahin wusste ich auch nicht, dass es Fische mit so vielen Gräten gibt – wobei ich nicht ausschließen kann, dass deren Zahl in meiner Erinnerung mit den Jahren noch gewachsen ist.“ Wer auf die Idee kommt, MRRs Lieblingsspeisen vor diesem Hintergrund zu betrachten, dem sei gesagt: Jedes Essen besteht aus Fischen. Solchen mit und solchen ohne Gräten.

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