Kultur : Buttermilch-Blues

Morgen startet im Haus der Berliner Festspiele die MaerzMusik

Joscha Schaback

Schon im Anmarsch auf das Haus der Berliner Festspiele in der Schaperstraße ist der weinrote Pullover des Gas-Wasser-Installateurs zu sehen. Mit weit über dem Gürtel hängenden Bauch werkelt der Mann, die Arme hochgestreckt, an der linken Außenseite des gläsernen Foyers. Bei genauerem Hinsehen wird klar, dass er nicht etwa eine kaputte Regenrinne repariert, sondern eine längliche Konstruktion anbringt, deren Sinn vorerst völlig im Dunkeln bleibt. „Hier wird Wasser zum Konzert“, sagt Matthias Osterwold, Leiter des Festivals MaerzMusik der Berliner Festspiele, und der Schalk lacht ihm aus den Augen. „Sechs Doppelbrausen werden hier installiert. Man kann sich mit einem Schirm darunter stellen, dem eigenen oder einem bei uns geliehenen – und Musik hören.“ Wie das möglich ist? „Ein Computer steuert die Tropffrequenzen und treibt so auf den Regenschirmen seine rhythmischen Spiele.“

Paul de Marini hat diesen „Rain dance“ entworfen. Die Installation stellt den Hör- und Erlebnisauftakt für den diesjährigen Festpielhaus-Besucher der MaerzMusik dar. Doch auch an sieben weiteren Orten der Stadt werden diesmal Veranstaltungen stattfinden. Nicht ohne Stolz spricht Osterwold davon, „über 200 Künstler aus 12 Ländern“ im Zeitraum vom 13. bis zum 23. März zu präsentieren. Einer der thematischen Schwerpunkte des Festivals liegt darin, neue und neueste Musik aus allen Stilrichtungen auf „musikfremde“ Künste loszulassen – oder für Musik besondere Räume zu schaffen.

Der künstlerische Leiter fängt damit gleich beim großen Festspielhaus an. Unmittelbar nach der Open-Air-Installation nämlich erwartet den Besucher eine neue Raumüberraschung: das Foyer. Wo sonst die Theater- und Konzertbesucher in Schlips und Kragen am Sektkelch nippen, entsteht hier der heißere Teil der „Sonic Arts Lounge“ in Zusammenarbeit mit Deutschland-Radio Berlin. In hippen gelben Loungemöbeln kann man sich nachts Konzept-DJs und elektronische Musik geben. Zu hören sein werden unter anderem die amerikanische Truppe „Negativland“, eine elektronische Tango-Session und am Ende des Festivals Altmeister Pierre Henry. „Mit ein paar Handgriffen haben wir hier auch eine Tanzfläche“, schwärmt Osterwold. „Dann kann die Post abgehen!“

Wer es weniger heiß mag oder sich vielleicht lieber „einchillen“ will, geht ins Rangfoyer des Hauses, wo nachmittags die „Sonic Arts Day Lounge“ eingerichtet ist. Meerblaue Liegestühle stehen hier bereit, in denen man bei moderaten Frequenzen dem Lautsprecherorchester Motus lauschen können wird – für ganz umsonst. Neben der Präsentation namhafter zeitgenössischer Komponisten gibt es hier entspannte Videoprojektionen. „Raten Sie mal, womit wir unsere sonst durchsichtigen Scheiben zu Milchglas gemacht haben, damit Sie hier eine Projektionsfläche haben?“, fragt Osterwold kess: „Durch Auftragen von Buttermilch!“

Vom hellen Foyer geht die Reise abwärts: „Jetzt führe ich Sie durch die Gedärme des Hauses“, fährt der Künstlerische Leiter fort, und wir marschieren die Route ab, die das Publikum gehen wird, wenn es ab morgen Abend das Installationskonzert „Dark Matter“ sehen will. Geschweißte Objekte von bizarrer Schönheit säumen den Weg auf die Bühne des Großen Hauses, wo der Komponist Richard Barett mit seinen Musikern diskutiert. Der Dirigent steht auf einer Art metallenem Hochsitz, wie ein Verkehrspolizist auf einer großen Straßenkreuzung. Per Inge Björlo, einer der wichtigsten norwegischen Künstler, hat für die Musiker skurrile Aufenthalts- und Klangobjekte gebaut. Als Zuschauer kann man auch während des Konzertes wählen, ob man in einem halboffenen Käfig oder auf einem kunstvollen Hocker sitzen will.

Im Probensaal des Festspielhauses finden sich hingegen nur noch Spuren der Probenarbeit von Roland Pfrengles Oper „An sich - Bilder / Stille“. Der Komponist ist mit seiner Crew bereits ins koproduzierende Hebbel-Theater umgezogen, wo das Musiktheaterstück am Samstag uraufgeführt wird. Neben dem Hebbel-Theater werden auch die Sophiensäle als Spielstätte genutzt. Hier soll am übernächsten Sonntag die Reihe „Musik und Text“ beschlossen werden. Büchnerpreis-Trägerin Frederike Mayröcker ist dabei als Sprecherin in kammermusikalischer Begleitung zu erleben.

„Mehr kann ich Ihnen hier leider nicht zeigen“, sagt Matthias Osterwold und verschwindet ins nächste Meeting. Verständlich, denn um alle wesentlichen Spielorte zu begehen, müssten wir wenigstens noch einen Abstecher ins Konzerthaus und in den Kammermusiksaal der Philharmonie machen. Dort nämlich wird der Schwerpunkt des Festivals zur baltischen Musik stattfinden. So sind am nächsten Donnerstag etwa das Gaida-Ensemble aus Vilnius unter der Leitung von Jussi Jaatinen mit dem Cellisten David Geringas im Kammermusiksaal zu hören oder am nächsten Tag das NYYD-Ensemble aus Tallinn.

Was bleibt derweil anderes übrig, als dem Gas-Wasser-Mann im weinroten Pulli noch ein wenig zuzuschauen? Der hat sich inzwischen Hilfe geholt und ruht sich aus. Sein Helfergrüppchen unterhält sich angeregt über die technischen Bedingungen der Apparatur – als wären es bereits Zuschauer des Festivals. Könnte lustig werden.

Karten unter Tel. 254 89 100, an bekannten Vorverkaufskassen und beim Ticketshop Fullhouse Service unter Tel. 308 785 685 sowie im Internet unter kartenbuero@berlinerfestspiele.de . Weitere Informationen:

www.maerzmusik.de

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