Kultur : Butterweich und sanft gebauscht Das Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker

Wieviel Schönheit liegt in diesem Abend. Die japanischen Besucherinnen in kostbaren Kimonos, die man vor Konzertbeginn durch das philharmonische Foyer flanieren sieht. Die freudige Erwartung im ganzen Haus, das für drei Abende ausverkauft sein wird. Der große Konzertsaal, der für die Live-Übertragung am Silvesterabend probehalber in blaues und rotes Scheinwerferlicht getaucht wird, was (blau) das Scharfsehen beeinträchtigt, aber (rot) die Blechinstrumente wunderbar aufblitzen lässt. Das Programm selbst, mit Werken von Händel und Rameau, Dvorák, Ravel und Brahms eine kluge Mischung aus Kunstanspruch und Wundertüte. Und natürlich die Solistin des Abends, Cecilia Bartoli, primadonna assoluta, reinste Verkörperung von Lust an Musik und sängerischer Virtuosität.

Vor fünf Jahren war La Bartoli das letzte Mal von den Philharmonikern eingeladen worden. Jetzt geleitet Sir Simon Rattle das Orchester durch vier Tänze von Rameau, darunter eine liebevoll dargebotene „Entrée“ und eine „Contredanse en Rondeau“ mit fast unhörbar tiefem Kontrabassgrund, darüber sich die höheren Streicher mit der Trommel zum herben Stelldichein treffen – und schon steht Cecilia Bartoli da, ganz in Dunkelgrün, sie lacht und freut sich und wird von brausendem Applaus empfangen. Wie ihr auf den Leib geschneidert scheinen die Arien aus Händels „Lotario“ und „Teseo“, später aus dem Oratorium „Il Trionfo del Tempo e del Disinganno“, obgleich Bartoli kaum je dieselbe Stimmgewalt einsetzt, die andere Sängerinnen mit diesem Repertoire verbinden: Naturgemäß ist ihr das Italienische völlig zu willen.

Ihr Mezzosopran ist fein fokussiert, die Perlenketten der Koloraturen und Akkordbrechungen zieht sie mit spitzer Nadel auf. Kaum verwunderlich, dass der musikalische Wettstreit mit dem philharmonischen Oboisten Jonathan Kelly, der den anderen, ebenfalls haarsträubend virtuosen Solopart in der Arie aus Händels „Teseo“ übernimmt, nicht wirklich zugunsten des Instruments ausgehen wird. Bartoli gewinnt ihn spätestens dort, wo sie sich noch übermütiger, noch volleren Herzens als Kelly auf das Hin und Her von Ruf und Echo in der Kadenz à deux einlässt. Oder hätte Kelly ihr sowieso den Vortritt gelassen? Dafür spräche auch das sensationelle Pianissimo, das das abgedämpfte Orchester der Sängerin in der Arie „Lascia la spina“ zu Füßen legen wird: eine Einkehr ins Reich des Leisen, Verhaltenen, selten zu hören, mit Tönen, die so konzentriert sind, dass sie kaum ins Freie gelangen wollen: „Lass die Dornen, pflücke die Rose; du bist auf der Suche nach deinem Schmerz“.

Wie schön aber auch, dass die Philharmoniker danach wieder alle Blicke auf sich selbst ziehen können, nicht nur mit den Windmaschinen in Rameaus „Entr'acte, suite de vents“ oder dem ernsten instrumentalen Innenstück des Abends, Ravels zweiter Orchestersuite „Daphnis und Chloé“, sondern vor allem mit drei Slawischen Tänzen von Dvorák und einem Ungarischen Tanz von Brahms: butterweiche Bässe und sanft gebauschte Streicherkantilenen zwischen einem Scharfgeschütz von Becken-Trommel-Tamburin, ein unnachahmliches Ineinander von Entspanntheit und Präzision.

Live-Übertragung am  31. Dezember,

17. 25 Uhr in der ARD

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